Über das eBook
Bianka Neumann
Ich bin der Mond
Die Sicht einer jungen Autorin im Arbeitslager, welche das \"Schönste\" nicht auf Papier schrieb.
- FSK ab 0 Jahren
- Sprache:
- Veröffentlicht:
- ISBN:
- Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.
Ich bin der Mond
Als Kind brachte man mich in eine graue Stadt. Eine Stadt der Monotonie. Jeder Mensch, ob groß oder klein, trugen dieselben grauen Sachen. Manche hatten keine Schuhe, doch auch die nackten Füße waren grau. Die Erde, die Häuser, der Stacheldraht auf der hohen Mauer um diese Stadt war ein tristes Grau. Und auch der Himmel schien, als kenne er die Sonne nicht mehr.
Seit ich dort war, sah ich niemanden lächeln außer mir. Ich sah sie arbeiten, tuscheln, schimpfen und oft hörte ich sie weinen. Aber das vertraute Kinderlachen, dass ich aus den bunten hell beleuchteten Straßen meiner alten Stadt kannte, gab es hier nicht. Es gab so viele Dinge nicht. Die leckeren Bonbons vom Süßwarenladen neben dem Haus meines Vaters. Die bunten Kleider, die meine Mutter immer trug. Die farbenfrohen Feste in unserer Stadt. Hier gab es grauen Stein, Waffen, Tränen wie Sand am Meer.
Eines Tages kam ein Soldat, trist grau uniformiert, welcher mir genauso akkurat mitteilte ich soll in einer Fabrik arbeiten wie er gekleidet war. Ich ging mit ihm, aus Furcht er könnte mir ebenso guten Grund für Tränen geben wie den anderen Bewohnern dieser Monotonie. Er begleitete mich aus dem alten Haus und verschloss knarrend die metallbeschlagene Tür hinter uns. Meine nackten Füße liefen mit den schwarz polierten Stiefeln im Gleichschritt auf der gepflasterten Straße. Ich wandte dem Soldaten meinen Blick zu. Auch mit strengem Blick, sah der Mann freundlich aus, stellte ich fest. Er hatte freundliche braune Augen, Grübchen an den Wangen und Lachfalten. Sicher wäre er ohne Waffe und Uniform ein netter Mann gewesen. Doch er war bewaffnet und Männer mit Waffen waren nie nett. Er brachte mich in eine Fabrik mit vielen Essen, aus denen schwarzer Rauch aufstieg. Er öffnete eine wuchtige große Stahltür. Die Luft war stickig und von überall her hörte man von unzähligen Kindern an morschen Tischen das Geräusch von Nähmaschinen. Doch keines der Kinder lachte, keines sprach ein Wort. Ich setzte mich stumm an einen dieser Tische auf einen kleinen roten Hocker. Eine Frau erklärte uns, wie man nähte, ein paar Tage lang. Und wir nähten. Prachtvolle schöne Kleider. Aus Baumwolle, manche mit Stickereien von Blumen. Der Soldat brachte mich jeden Tag mit anderen Kindern zur Fabrik, sprach aber nie ein Wort und blickte uns nie an.
In der Fabrik stahl ich hin und wieder ein paar Blätter Papier und zwei Kohlestifte. Als ich wusste, dass die Aufseher ihren Dienst wechselten, wickelte ich es mit Garn unter meinem zerlumpten Hemd fest, dass man es nicht bemerkte. Ich stahl immer ein paar Blatt in der Woche.
Wenn ich Abends nach Hause kam, setzte ich mich in dem dunklen Zimmer direkt ans Fenster. Der Mond schien auf das grauweiße Papier und spendete mir Licht. Ich schrieb meine Gedanken auf. Ich hatte viele Gedanken. Ich dachte, die tollen Kleider die ich mit den anderen Kindern nähte, wären für Könige und Prinzessinnen. Ich schrieb, dass hier alles grau vom Ruß der Essen ist, die an der Fabrik standen. Und das diese Stadt eigentlich ganz fröhlich und bunt ist, man muss nur genau hinsehen. Ich dachte, das die Leute nicht viel reden, weil sie so tolle Arbeiten machen, auf die sie sich ganz schrecklich konzentrieren müssen.
Je älter ich wurde desto melancholischer schrieb ich Gedichte. Vom taubstummen Soldaten jeden Morgen, von der hohen Mauer vor der Stadt, von Zugfahrten von denen keiner wiederkam, Vom Tränenmeer und grauem Stein. Doch wohl die schönsten Worte brachte ich nicht zu Papier, weil mir der Mond nicht schien. Weil mein Herz zu sehr weinte und in grauer dunkler Nacht, dachte ich wohl das Schönste. Ich ging am nächsten Morgen neben den Soldaten her und sprach es ihm vor. Im Gleichschritt marschierte ich mit ihm auf dem Weg zur Fabrik.
"Schatten überall um mich herum,
einsam scheine ich hindurch.
Durch Dunkelheit und Nacht
nehme Tränen und Furcht.
Du siehst mich am Tage nicht.
Meine Schönheit kommt und geht.
Ich scheine dir in der Nacht,
wo sich kein Zweifel auf meine Hoffnung legt.
Sieh in meine Augen.
So schön, so blass.
Sieh ich bin dein Mond,
deine Königin aus Glass.
Jeden Morgen gehst du neben mir.
Blickst mir nie ins Gesicht,
schenkst mir kein Lächeln,
und kein Wort an mich.
Doch oft wirst du am mich denken,
oft wirst du mir nachsehen.
Wie ich Nachts am Himmel scheine
und am Tage klanglos untergehe."
Der Soldat blieb stehen, wir waren am Ziel. Doch zum ersten Mal blickte er seufzend mit feuchten Augen auf mich herab. Den Tränen nahe zeigte er zum ersten Mal Betroffenheit.
"Sieh doch Kind, auch ich befolge Befehle. Mir befiehlt man, dass ich dir befehlen soll. Doch letztlich werden wir beide untergehen, wenn wir uns weigern."
Da erkannte ich, ich war nicht der einzige Mond. Nicht die Einzige, der man befielt. Nicht die Einzige die untergeht. Und vielleicht hat dieser eine Soldat nicht gewusst, wie tröstend mir seine Worte waren.
Ich ging in die Fabrik zur Arbeit und wusste ich schrieb das schönste Gedicht nicht auf Papier.
Als Kind brachte man mich in eine graue Stadt. Eine Stadt der Monotonie. Jeder Mensch, ob groß oder klein, trugen dieselben grauen Sachen. Manche hatten keine Schuhe, doch auch die nackten Füße waren grau. Die Erde, die Häuser, der Stacheldraht auf der hohen Mauer um diese Stadt war ein tristes Grau. Und auch der Himmel schien, als kenne er die Sonne nicht mehr.
Seit ich dort war, sah ich niemanden lächeln außer mir. Ich sah sie arbeiten, tuscheln, schimpfen und oft hörte ich sie weinen. Aber das vertraute Kinderlachen, dass ich aus den bunten hell beleuchteten Straßen meiner alten Stadt kannte, gab es hier nicht. Es gab so viele Dinge nicht. Die leckeren Bonbons vom Süßwarenladen neben dem Haus meines Vaters. Die bunten Kleider, die meine Mutter immer trug. Die farbenfrohen Feste in unserer Stadt. Hier gab es grauen Stein, Waffen, Tränen wie Sand am Meer.
Eines Tages kam ein Soldat, trist grau uniformiert, welcher mir genauso akkurat mitteilte ich soll in einer Fabrik arbeiten wie er gekleidet war. Ich ging mit ihm, aus Furcht er könnte mir ebenso guten Grund für Tränen geben wie den anderen Bewohnern dieser Monotonie. Er begleitete mich aus dem alten Haus und verschloss knarrend die metallbeschlagene Tür hinter uns. Meine nackten Füße liefen mit den schwarz polierten Stiefeln im Gleichschritt auf der gepflasterten Straße. Ich wandte dem Soldaten meinen Blick zu. Auch mit strengem Blick, sah der Mann freundlich aus, stellte ich fest. Er hatte freundliche braune Augen, Grübchen an den Wangen und Lachfalten. Sicher wäre er ohne Waffe und Uniform ein netter Mann gewesen. Doch er war bewaffnet und Männer mit Waffen waren nie nett. Er brachte mich in eine Fabrik mit vielen Essen, aus denen schwarzer Rauch aufstieg. Er öffnete eine wuchtige große Stahltür. Die Luft war stickig und von überall her hörte man von unzähligen Kindern an morschen Tischen das Geräusch von Nähmaschinen. Doch keines der Kinder lachte, keines sprach ein Wort. Ich setzte mich stumm an einen dieser Tische auf einen kleinen roten Hocker. Eine Frau erklärte uns, wie man nähte, ein paar Tage lang. Und wir nähten. Prachtvolle schöne Kleider. Aus Baumwolle, manche mit Stickereien von Blumen. Der Soldat brachte mich jeden Tag mit anderen Kindern zur Fabrik, sprach aber nie ein Wort und blickte uns nie an.
In der Fabrik stahl ich hin und wieder ein paar Blätter Papier und zwei Kohlestifte. Als ich wusste, dass die Aufseher ihren Dienst wechselten, wickelte ich es mit Garn unter meinem zerlumpten Hemd fest, dass man es nicht bemerkte. Ich stahl immer ein paar Blatt in der Woche.
Wenn ich Abends nach Hause kam, setzte ich mich in dem dunklen Zimmer direkt ans Fenster. Der Mond schien auf das grauweiße Papier und spendete mir Licht. Ich schrieb meine Gedanken auf. Ich hatte viele Gedanken. Ich dachte, die tollen Kleider die ich mit den anderen Kindern nähte, wären für Könige und Prinzessinnen. Ich schrieb, dass hier alles grau vom Ruß der Essen ist, die an der Fabrik standen. Und das diese Stadt eigentlich ganz fröhlich und bunt ist, man muss nur genau hinsehen. Ich dachte, das die Leute nicht viel reden, weil sie so tolle Arbeiten machen, auf die sie sich ganz schrecklich konzentrieren müssen.
Je älter ich wurde desto melancholischer schrieb ich Gedichte. Vom taubstummen Soldaten jeden Morgen, von der hohen Mauer vor der Stadt, von Zugfahrten von denen keiner wiederkam, Vom Tränenmeer und grauem Stein. Doch wohl die schönsten Worte brachte ich nicht zu Papier, weil mir der Mond nicht schien. Weil mein Herz zu sehr weinte und in grauer dunkler Nacht, dachte ich wohl das Schönste. Ich ging am nächsten Morgen neben den Soldaten her und sprach es ihm vor. Im Gleichschritt marschierte ich mit ihm auf dem Weg zur Fabrik.
"Schatten überall um mich herum,
einsam scheine ich hindurch.
Durch Dunkelheit und Nacht
nehme Tränen und Furcht.
Du siehst mich am Tage nicht.
Meine Schönheit kommt und geht.
Ich scheine dir in der Nacht,
wo sich kein Zweifel auf meine Hoffnung legt.
Sieh in meine Augen.
So schön, so blass.
Sieh ich bin dein Mond,
deine Königin aus Glass.
Jeden Morgen gehst du neben mir.
Blickst mir nie ins Gesicht,
schenkst mir kein Lächeln,
und kein Wort an mich.
Doch oft wirst du am mich denken,
oft wirst du mir nachsehen.
Wie ich Nachts am Himmel scheine
und am Tage klanglos untergehe."
Der Soldat blieb stehen, wir waren am Ziel. Doch zum ersten Mal blickte er seufzend mit feuchten Augen auf mich herab. Den Tränen nahe zeigte er zum ersten Mal Betroffenheit.
"Sieh doch Kind, auch ich befolge Befehle. Mir befiehlt man, dass ich dir befehlen soll. Doch letztlich werden wir beide untergehen, wenn wir uns weigern."
Da erkannte ich, ich war nicht der einzige Mond. Nicht die Einzige, der man befielt. Nicht die Einzige die untergeht. Und vielleicht hat dieser eine Soldat nicht gewusst, wie tröstend mir seine Worte waren.
Ich ging in die Fabrik zur Arbeit und wusste ich schrieb das schönste Gedicht nicht auf Papier.
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+Kommentare (3)
Es ist mir schon fast peinlich, dass ich erst jetzt danach gesucht habe. Aber wieder einmal eine sehr schöne Geschichte mit diesem bittersüßen Nachgeschmack, den ich so sehr an deinen Texten liebe. Alice, du bist und bleibst meine Lieblingsautorin.
Archangel • 30.05.2012 22:04Ein schöner Lichtblick in einer verkehrten und verdrehten Welt
Beatrix Nagy • 09.05.2011 15:54Gefällt mir.
Daniel Tasco • 17.04.2011 16:46