Leseprobe
3.6 Untersuchungsgefängnis Leipzig Rudolf wird vom Gefängniswärter in eine Einzelzelle geführt. Mit einem dumpfen Schlag fällt die schwere Stahltür ins Schloss. Noch lange hat Rudolf das klirrende Geräusch des Schlüsselbundes im Ohr, mit dem der Wärter die Tür verschließt. Er hat mit allem gerechnet, insgeheim aber immer noch gehofft, mit seiner Verteidigungsstrategie durchzukommen. Seit Tagen hat er sich auf ein Verhör vorbereitet. Und hat er sich nicht wacker geschlagen? Wie mit Werner besprochen, hat er alles geleugnet. Warum nur wird er nun verhaftet? Was hat die Kripo gegen ihn in der Hand? Rudolf legt sich auf die schmale Pritsche, die seine Zelle fast ganz ausfüllt. An Schlaf ist nicht zu denken. Tausend Fragen schwirren ihm im Kopf herum. Wie wird es jetzt wohl Werner ergehen? Hat man ihn auch schon verhaftet? Was hat Moritz Engelhardt der Polizei erzählt? Kann er etwas verraten haben? Hat man auch Ernst oder Hans befragt? Und was ist mit Reini Winter? Er sitzt schon seit drei Wochen im Gefängnis. Hat er inzwischen etwas ausgeplaudert? Der Kriminalbeamte scheint einiges zu wissen. Doch was genau? Als Rudolf am nächsten Morgen aus seiner Zelle geholt wird, weiß er nicht, ob er überhaupt geschlafen hat. Benebelt und verwirrt wird er in einen kahlen Raum geführt, spärlich möbliert mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen. Dort wartet bereits der Kriminalbeamte, der ihn verhaftet hat. Doch der gestern noch so harte und grantige Feldmann wirkt heute wie ausgewechselt. Er gibt sich verständnisvoll, stellt seine Fragen in einem ruhigen, geradezu sanften Ton: "Denk mal, die Kriminalbeamten waren schon im Amt, als der Paragraph 175 noch nicht angewendet wurde, und später mussten sie uns deshalb ausquetschen. Sie mussten machen, was die Nazis wollten. Sie haben uns ausgefragt, obwohl sie alles wussten, und dann eingesperrt. Ich sitze hier und der Beamte mir gegenüber, ich hatte meine Hand so auf dem Tisch und er hat seine Hand auf meine gelegt und anständig geredet mit mir: Schade, ich muss meine Pflicht tun, du kannst jetzt erzählen, wenn du schwindelst, das kommt doch raus, also sag die Wahrheit. Es war seine Pflicht, uns zu vernehmen, und die mussten das Protokoll auch abgeben, damit die wissen, was drin steht. So habe ich das empfunden. Die Beamten waren anständig gewesen, das hatte mit der SS nichts zu tun. Die haben vielleicht die SS auch gehasst. Wenn die ihren Posten aufgegeben hätten, hätten die Nazis gesagt, das ist auch so ein verdammter Sozialist."63 Natürlich hat dieses Vorgehen taktische Gründe. Feldmann will Rudolfs Vertrauen gewinnen und ihn so zu einem Geständnis bewegen. Doch Rudolf lässt sich nicht so einfach um den Finger wickeln. Er bleibt bei seiner Strategie des Leugnens. Auch auf gutes Zureden hin behauptet er gegenüber Feldmann, es sei "nicht wahr, dass ich und der Bilz gleichgeschlechtlich veranlagt sind". Der Kriminalbeamte versucht es wieder mit Härte. Nach und nach konfrontiert er Rudolf mit den Ergebnissen der Ermittlungen gegen Winter und Eberhardt. Er fragt nach den gemeinsamen Ausflügen nach Leipzig. Rudolf beteuert, man sei nicht dorthin gefahren, "um homosexuelle Bekanntschaften" zu machen. Auch seien immer Mädchen dabei gewesen, so zum Beispiel Elfriede Weißgerber. Ins Schlingern kommt Rudolf schließlich, als Feldmann nach seinem weiblichen Spitznamen fragt. Er gesteht zu, dass er "in Freundeskreisen immer Inge genannt worden" sei. Er habe das "erst als Spaß aufgefasst". Später hätten sich aber "die Bewohner des Grundstückes in der Weinbergstraße aufgeregt und ich habe mich nicht mehr Inge nennen lassen". Überhaupt sei immer viel "gealbert worden, wenn Freunde zu Besuch da waren". Feldmann gelingt es, Rudolf in die Enge zu treiben. Nachdem er ihn mit Engelhardts Aussagen konfrontiert hat, räumt Rudolf schließlich auch ein, dass er "im Scherz [ ] wohl auch den Bilz mal mit geküsst" und sich "bei ihm auf Spaziergängen eingehenkelt" habe. Rudolf i
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