Über das eBook
Julia de Boor
Zwiegespräche
72 Jahre nach der Nacht, die für alle in Deutschland lebenden Juden zur folgenschwersten in der deutschen Geschichte wurde, setzte ich mich damit zum ersten Mal künstlerisch auseinander und begegnete auf meiner Suche nach literarischen Zeugnissen auch den Spuren von Anne Frank, Selma Meerbaum-Eisinger und Lisa de Boor, meiner Großtante.
- FSK ab 0 Jahren
- Sprache:
- Veröffentlicht:
- ISBN:
- Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.
[kapitel]zeitfunken[/kapitel]
zeitfunken -
(für meine verwandten vorfahren)
immer schon anteilig vorhanden
- aber was ist schon die sichtbare welt -
schweben sich zeitfunken
lautlos in mein leben
erreichen meine sicht
erst ein jahrhundert später
und sind doch kraftvoller als
manch heutiger schlag
an zeitfunken entzündet sich
- ach ich begreif es -
die ganze menschheit
stets aufs neue
und aus jeder asche
die einst funken barg
hebt sich ein neues nest empor
so vollendet sichs
und geht doch nie
zuende
[kapitel]1987/1945[/kapitel]
1987/1945 –
(für anne frank)
ich mit fünfzehn
in den felsen
echo fordernd
auf den bergen
ferienreisen fröhlichkeit und frei
du mit fünfzehn
bergen-belsen
kahl geschoren
ausgemergelt
trauerspiele tapferkeit und tot
[kapitel]erinnert soll sie bleiben[/kapitel]
erinnert soll sie bleiben –
(für selma meerbaum-eisinger)
sehnsüchtige schwester
erinnert sollst du bleiben
leidenschaftlich lachend und lebhaft
mädchen auf ewig
auf ewig unvergessen
mädchen auf ewig
erinnert sollst du bleiben
einsame worte hallen dir nach halten dich wach
rufen ihm nach ihm nach nach ihm
bleibst du „in sehnsucht eingehüllt“
ach deinen tod lang todeslang nun
und ich sage die worte die dich verlebendigen
mir sag ich sie und mit mir nun auch euch
erinnert soll sie bleiben
illusionär impulsiv irdisch die
sehnsüchtige schwester denn so seh ich sie
illusionär impulsiv irdisch
nachhallen soll uns ihr werk ihre worte
geistesanwesend und wahrhaft und echt
erinnert soll sie bleiben als
rosige reizende königin lyrischer poesie
[kapitel]ohne angst aufwachsen[/kapitel]
ohne angst aufwachsen –
(für alle von den nazis verfolgten und erniedrigten menschen)
nicht wissen müssen
wie ich mich im ernstfall
verhalten muss wenn ein bomber nicht rosinen sondern
tote streut
nicht fühlen müssen
wie ich mich ohne kleidung
erniedrigt sähe ausgesetzt den blicken fremder
menschen
nicht lernen müssen
wie ich mich tage lang
ernähren soll von wassersuppe kantenbrot und ohne
hoffnung
leben dürfen hier und jetzt im alltag
voller vielfalt und gnade
leben dürfen hier und jetzt nicht angstvoll
voller schönheit und wissen
leben dürfen hier und jetzt
mit dankbarkeit
für worte töne liebe und
das licht
zeitfunken -
(für meine verwandten vorfahren)
immer schon anteilig vorhanden
- aber was ist schon die sichtbare welt -
schweben sich zeitfunken
lautlos in mein leben
erreichen meine sicht
erst ein jahrhundert später
und sind doch kraftvoller als
manch heutiger schlag
an zeitfunken entzündet sich
- ach ich begreif es -
die ganze menschheit
stets aufs neue
und aus jeder asche
die einst funken barg
hebt sich ein neues nest empor
so vollendet sichs
und geht doch nie
zuende
[kapitel]1987/1945[/kapitel]
1987/1945 –
(für anne frank)
ich mit fünfzehn
in den felsen
echo fordernd
auf den bergen
ferienreisen fröhlichkeit und frei
du mit fünfzehn
bergen-belsen
kahl geschoren
ausgemergelt
trauerspiele tapferkeit und tot
[kapitel]erinnert soll sie bleiben[/kapitel]
erinnert soll sie bleiben –
(für selma meerbaum-eisinger)
sehnsüchtige schwester
erinnert sollst du bleiben
leidenschaftlich lachend und lebhaft
mädchen auf ewig
auf ewig unvergessen
mädchen auf ewig
erinnert sollst du bleiben
einsame worte hallen dir nach halten dich wach
rufen ihm nach ihm nach nach ihm
bleibst du „in sehnsucht eingehüllt“
ach deinen tod lang todeslang nun
und ich sage die worte die dich verlebendigen
mir sag ich sie und mit mir nun auch euch
erinnert soll sie bleiben
illusionär impulsiv irdisch die
sehnsüchtige schwester denn so seh ich sie
illusionär impulsiv irdisch
nachhallen soll uns ihr werk ihre worte
geistesanwesend und wahrhaft und echt
erinnert soll sie bleiben als
rosige reizende königin lyrischer poesie
[kapitel]ohne angst aufwachsen[/kapitel]
ohne angst aufwachsen –
(für alle von den nazis verfolgten und erniedrigten menschen)
nicht wissen müssen
wie ich mich im ernstfall
verhalten muss wenn ein bomber nicht rosinen sondern
tote streut
nicht fühlen müssen
wie ich mich ohne kleidung
erniedrigt sähe ausgesetzt den blicken fremder
menschen
nicht lernen müssen
wie ich mich tage lang
ernähren soll von wassersuppe kantenbrot und ohne
hoffnung
leben dürfen hier und jetzt im alltag
voller vielfalt und gnade
leben dürfen hier und jetzt nicht angstvoll
voller schönheit und wissen
leben dürfen hier und jetzt
mit dankbarkeit
für worte töne liebe und
das licht
Details
- 2Seiten
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- 19 / 12Bewertungen / Kommentare
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+Kommentare (12)
insbes. für "zeitfunken"
• 18.05.2011 14:05Ich habe nur zwei Sterne und die auch nicht uneingeschränkt für "1987/1945", da mir die jeweils letzten Zeilen zu sehr in Stabreim-Manier gesetzt sind. Überaus gelungen sind der Reim "Belsen" auf "Felsen" und die Verdichtung der beiden gegensätzlichen Jugenden. Die anderen Versuche sind sehr bemüht und gerade der 4. von einer trügerischen Beschönigung geprägt.
Ralph Grüneberger • 24.04.2011 15:44sehr einfühlende lyrische Texte, die die Gefühle anregen
Eileen Mannich • 18.04.2011 14:26Toll geschrieben
Daniel Tasco • 01.04.2011 08:06Entdeckt die Spuren der Vergangenheit nachdenklich in der eigenen Person. Poetische Form, ohne jedoch den Sprachrhythus ganz durchzuhalten.
Klaus ter Horst • 30.03.2011 09:23Das klingt unglaubwürdig, weil nicht authentisch, sondern abgelesen! Das ist nichts Eigenes, da springt kein Funke! Sorry!
Werner Weimar-Mazur • 08.03.2011 09:03Sehr sehr berührende Auseinandersetzung liebevoll und einfühlsam und gegenwärtig 2 Worte würde ich noch einmal überdenken bzw. bei 2 Worten möchte ich gerne nachfragen: "verlebendigen" passt für mich nicht gut, stattdessen: "macht dich lebendig" oder "hält dich am Leben" und "rosige" - ich kenne dies Adjektiv nur in süsslichen Zusammenhängen und nach der lektüre der Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger wäre mir "rosig" als Attribut überhaupt nicht eingefallen. TROTZDEM bleibe ich bei meinem Urteil: Sehr, sehr berührende Auseinandersetzung
tonimaria Kalkbrenner • 15.01.2011 15:08DAS ist poesie!
klaus wilmanns • 14.01.2011 16:58Das sind mutige, einprägsame, gefühlvolle, starke Worte, die gesagt werden müssen und es verdient haben, veröffentlicht zu werden - vielen Dank!
Maria Müller • 13.01.2011 21:55ein kleines Denkmal für große Frauen
Karsten Hönsch • 13.01.2011 17:58Hallo Julia de Boor, wir haben uns Ihren Beitrag angeschaut und die mehrfach eingegeben Texte und leeren Seiten für Sie korrigiert. Ihr Support-Team
amobo • 12.01.2011 09:57Ich empfehle den Aufruf meiner Autoren PDF. Warum das Programm die letzten beiden Gedichte in den anderen beiden Versionen gleich mehrfach anzeigt und noch leere Seiten hinzufügt, wodurch sich die Seitenanzahl auf unnötige 28 erhöht, bleibt mir ein Rätsel...
Julia de Boor • 12.01.2011 02:05