Über das eBook
hozan
Wiener Träume - Die Geschichte einer Depression
Ein Migrant ohne Ziel und Sinn im Leben auf der Suche nach eben diesen in einer kalten, verrohten, zeitgenössischen Metropole des 21. Jahrhunderts, stolpert von einem Missgeschick ins andere. Selbst als ihm das Schicksal ungeahnte Möglichkeiten zum Glück eröffnet, ist es ihm nicht möglich, sich aus seiner selbst erschaffenen Welt der Amoral und Langeweile zu befreien.
- FSK ab 0 Jahren
- Sprache:
- Veröffentlicht:
- ISBN:
- Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.
Vermutlich wird es Ihnen ein wenig schwer fallen mich als einen liebenswürdigen Zeitgenossen zu bezeichnen und ich muss Ihnen beipflichten, denn wenn Sie diese Zeilen lesen bin ich schon längst nur mehr eine behagliche Unterkunft für anspruchsloses Ungeziefer oder die neue Freundin eines Nekrophilen – in diesen Zeiten weiß man ja nie. Aber das ist für Sie wohl nur so sehr bedeutend, wie wenn ein armes Schwein in eine Seitengasse gezerrt, und von fünf HIV-infizierten Pennern in den Hintern und den Mund vergewaltigt wird. Bestürzend, ja sogar schrecklich, aber nach zwei Seiten nicht einmal mehr wert, sich mit eben jener Seite auf der diese Nachricht in einem miesen Boulevardblättchen abgedruckt ist, den eigenen jungfräulichen Anus abzuwischen.
Ich lebte mein ganzes Leben als Fremder in einer mitteleuropäischen Metropole, sofern diese Bezeichnung für eine Stadt im Herzen Europas zutreffen mag. Meine Sprache ist die Deutsche, meine Herkunft eine andere, aber das werde ich Ihnen später noch berichten können.
Meine Wohnung befand sich in einem Nebenbezirk der Innenstadt, in einem Gebäude, das wahrscheinlich von einem Architekten entworfen wurde, der in einem Zeitalter lebte in dem es der letzte Schrei war Propheten an Kreuze zu nageln und zu verstümmeln, weil sie nicht wie jeder andere vernünftige Mensch der Hurerei, dem Betrug und dem Diebstahl verfallen waren.
Eine nackte Glühbirne erhellte den einzigen Raum, der Wohnzimmer, Schlafgemach, Küche, Abstellkammer, Badezimmer und Gästesalon in Einem war. Die Toilette musste ich mir mit den anderen Bewohnern meines Stockwerkes teilen und ich kann Ihnen nur beipflichten, wenn Sie meinen, es würde ein unheimliches Vergnügen sein dort zu sitzen und sich mit dem Gedanken zu beschäftigen wie viele Hinterteile, große, kleine, behaarte, glatte, knackige, knochige, plumpe, verschrumpelte und vor allem lecke, alle in ein gemeinsames Loch zur meist wohltuenden Defäkation schritten. Manche Darminhalte sind, wie Sie ja aus eigener langjährigen Erfahrung wissen, kompakt. Andere dafür weniger und manchmal kann es ja passieren, dass ein wenig daneben geht, weil man nicht schnell genug war.
Ich, in meiner Eigenschaft als nicht in diesem Land Geborener, bin sehr erpicht darauf, neue Worte zu lernen, oder bereits Bekannte zu verstehen. Zum Beispiel führte mich die Tatsache, dass nur wenige meiner Nachbarn nach getaner Arbeit die wurstähnlichen Gebilde oder was auch immer da in der Muschel herum schwamm, runter zu spülen, zur erleuchtenden Bedeutung des mir bis dahin mysteriös gebliebenen „scheißegal”.
Als Ausländer hat man es nicht leicht mit diesem verdammten Deutsch, aber tröstend darf ich hinzufügen, dass es meistens genügt abzuwarten und erstaunlicherweise pflegen dann Ungereimtheiten wie frisch duftende Bauchwinde an die Außenwelt respektive ins Verständnis zu treten.
Es war mir jedes Mal ein Rätsel, was ich in besagtem Raum eigentlich ablud. Bestand doch meine tägliche Ration an Essbarem aus weniger, als eine genügsame Bakterie zum Überleben brauchte. Dies ist nicht der Fall, weil ich etwa am Hungertuch nagen würde oder gar geizig war. Es war nur so, dass ich das überaus gewöhnliche Gefühl des Hungers dadurch unterdrücken konnte, indem ich grob über dem Daumen gepeilt etwa vier Schachteln billige Zigaretten am Tag rauchte.
Und wenn ich dann doch durch eine Fügung der Natur einmal in zwei Wochen austreten musste, ergab es sich immer dabei der wunderbar röchelnden Stimme meiner Vermieterin beiwohnen zu dürfen, wie sie meinen komplizierten Namen aus ihren klebrigen Lungen presste. Da stand sie also in ihrer vollen Größe von anderthalb Metern vor mir. So plötzlich geschah diese Aktion immer wieder aufs Neue, dass ich mehr als einmal beinahe meine mühsam zusammen gesparten Fäkalien einfach meine Hosen füllen ließ.
Sie war alt, sehr alt. Sie war schon alt, als Gilgamesch nach dem ewigen Leben suchte. Ich war unerschütterlich davon überzeugt, dass sie frühmorgens von geheimnisvollen Gnomen mittels einer komplizierten Apparatur aus ihrem Sarkophag gehievt, mit Wedeln und Bürsten abgestaubt, und dann auf die armen Mieter ihres Zinshauses losgelassen wurde. Wie immer keifte sie mit einer Stimme, die an Moder und Verwesung erinnerte, von unbezahlten Mieten, lauten Mietern und den vertrockneten Häufchen auf der Gemeinschaftstoilette. Ich ließ alles geduldig über mich ergehen, war das doch nichts anderes als der Wunsch nach Zuneigung und Liebe, Gefühle die sie nicht mehr von einem menschlichen Wesen erwarten durfte, seit ihr Gatte in der Blüte seiner Jugend versehentlich von einem Mammut nieder getrampelt wurde. Durch Zufall erfuhr ich von ihrer Sucht nach berauschenden Substanzen. Sie pflegte sie zwischen eben jenen vertrockneten Häufchen zu verstecken, die sie so sehr hasste, da nicht einmal der abgebrühteste Drogenfahnder es über sich brachte zwischen Koprolithen und Reiswasserdurchfällen zu wühlen und so blieben die kleinen Plastikkügelchen in den kleinen Plastiksäckchen in den Häufchen auch unentdeckt.
Ich gebe beschämt zu, dann und wann mit Absicht die Muschel nicht korrekt zu befüllen, damit meiner hochgeschätzten Vermieterin die Verstecke nicht ausgingen. So erhielt ich mir ein wenig Lebensqualität, denn mir wurde nicht ganz das Hirn aus den Ohren gesprengt, wenn sie in ihre Litaneien verfiel. Ganz anders meine Nachbarn, von denen etwa die Hälfte schon professionelle Hilfe in Anspruch nahm um mit dieser Belastung fertig zu werden und die andere Hälfte noch auf ihre Termine wartete. In Wien ist es nicht so leicht, einen unterbeschäftigten Therapeuten zu erwischen. Ich meinte so manches Mal auf subtile Weise zu ihr, dass sie doch bitte ein klein wenig mehr Wandel in ihr Leben zulassen sollte, aber das gab ich recht schnell wieder auf. Man kann nicht von einer Dame, die noch den Glanz des Urknalls vor ihren Augen hatte, erwarten einfach so ihre alten Gepflogenheiten aufzugeben.
So in etwa sah es aus, wenn ich meine Wohnung verließ, aber daran gewöhnte man sich recht schnell. Zurück in meinem Allzweckzimmer versuchte ich ein wenig zu lesen, schaffte es aber nicht ganz. Ihnen ist wohl schon aufgefallen, dass ich bisher nicht über meine Lebensgefährtin geplaudert habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie noch nicht existiert, aber dieser kleine Schönheitsfehler kann meine Liebe zu ihr nicht im Mindesten schmälern.
Wenn Sie nun denken, Sie hätten es mit einem völlig irren, vereinsamten Pseudomoslem zu tun, der die Härte des Lebens in Westeuropa nicht mehr aushält, dann haben Sie natürlich nicht unrecht, aber ich bevorzuge es eher, als philanthropischer, enttäuschter Gelegenheitsarbeiter mit Migrationshintergrund bezeichnet zu werden.
Wie dem auch sei, bis jetzt ist mir noch kein weibliches Wesen über den Weg gelaufen, das es länger als drei Wochen aushielte zusammen mit mir die Atemluft zu teilen. Vermutlich ist dies einer der Gründe, weshalb ich eine mir anfangs unerklärliche Abneigung gegen hübsche Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu eigen machte. Ich versichere Ihnen, dass dies keinerlei hirnrissig-religiöses Problem ist, sondern eine reine, ganz normale Neurose, was eigentlich dasselbe ist, aber doch einen gewaltigen Unterschied macht. Nun ja, es klingt seltsam, aber tief in mir habe ich den Glauben doch noch nicht ganz aufgegeben, was insofern schade ist, wenn ich spazieren gehe und das nichtsahnende Opfer der Einflüsterungen Satans werde, der mir grinsend ans Herz legte, doch in diesen gewagten Ausschnitt zu schauen oder jene Schenkel mit meiner Astralzunge zu liebkosen.
Es ist immer so eine Sache mit dem Muslim-Sein für mich gewesen. Zur Zeit war ich es ein bisschen wieder, aber das konnte sich schnell ändern. Es ist immer schwer gewesen zu glauben, aber es war noch schwerer, ziellos mit einem Gefühl der Leere im Herzen durch billige Stripshows und Bordelle zu streunen und sich dabei zu fragen was man da eigentlich tut. Es schien mir manchmal, ich wäre ein modernere Leibeigener, auch Fußballprofi genannt, der von einem himmlischen Verein an den Erzrivalen aus den Feuersümpfen verhökert wird und dann nach einiger Zeit wieder zu dem alten Verein wechseln muss, dann wieder verkauft und gekauft wird und dann wieder hin, wieder her und so weiter. Schließlich bleiben am Ende als Dank lediglich Tritte und Hassparolen ehemals loyaler Fans, Kollegen und Bosse, die sich von der käuflichen Ratte verraten fühlen.
Aber möglicherweise lag meiner Einsamkeit noch Anderes zu Grunde. Zum Beispiel mein Hirn, das in einer seltsamen Art und Weise verschaltet zu sein schien. Es kam mehr als einmal vor, dass dieses Organ chemische Prozesse bei malerischen Vollmondnächten einleitete, die sich angesichts dieser archaischen Schönheit in ergriffene Tränen des Glücks manifestierten, nur um einige Augenblicke später zusammenhängende Bilder zu projizieren, die den Charakter eines miesen Sodomiepornos aufweisen, wenn sich eine ahnungslose Katze zu dem pittoresken Blickfeld dazu gesellt. Sie müssen mir vertrauen, wenn ich Ihnen versichere, dass ich niemals ein armes Kätzchen zu Tode begatten würde, denken Sie bitte wenigstens in diese Hinsicht nicht schlecht von mir. Das tat ich selbst zur Genüge, bis ich merkte, dass nicht alles, was ich denke auch umgesetzt wird, was unschwer daran zu erkennen ist, dass ich immer noch so ein mitleiderregendes Leben führte.
In meiner Wohnung hielt ich es nie lange aus, was mich nicht nur von diversen guten Vorsätzen abbrachte, sondern auch langsam von der geistigen Gesundheit. Außerdem hielt es mich vom Lesen ab und führte mich in die dreckigen Gassen meiner Umgebung, in denen ich sinnenentleert von einem Ende zum anderen schritt. Das ist dann auch meistens der Ausschlag gewesen wieder religiös zu werden oder dem Schweife Satans hinterher zu laufen. Ich irrte ziellos durch die engen Wege herum und sah viel Unrat auf dem Bordstein liegen. Das meiste war menschlichen Ursprungs und ein paar Reste atmeten noch.
Minutenlanges Grübeln begleitete meine Blicke auf den Asphalt während meine Füße mich in unbekannte Gefilde trugen, so lange bis ich beschloss, meine Aufmerksamkeit wieder der Realität zu widmen und da sah ich, dass ich vor einem runden, beleuchteten Schaufenster stand. Zwei Neonröhren brachten ihre letzte Kraft auf um das Plakat darin sichtbar zu halten, auf dem eine junge Frau in vollendeter Nacktheit zu sehen war und einer anderen jungen Frau einen präparierten Baseballschläger in die vaselineverschmierte Vagina schob.
Über dem Pop-Art Juwel prangte ein Schild auf dem zu lesen war: HEUTE!!! Leicht verwundert betrachtete ich die gynäkologische Brachialuntersuchung und rief mein Wissen über die Dehnbarkeit des vaginalen Schlauchmuskels ab, was ich aber gleich wieder aufgab, da mich das zu diesem Zeitpunkt doch überforderte.
In dem Fenster stand des weiteren, das Kino hätte bis zwei Uhr in der Früh geöffnet. Es war gerade kurz nach Mitternacht, wie mir ein Blick auf meine Uhr verriet und ich spürte, wie mich Luzifers Prügel unaufhaltsam in Richtung Eingang diktierte. Von der Konkurrenz dachte ich noch nicht so schlecht, als dass sie so etwas für gut befinden würden, also musste es zweifelsohne der Leibhaftige sein, der mir die Tür aufhielt, mich die Treppen rauf dirigierte, ab und zu stehen bleiben ließ um meine Augen mit diversen Filmpostern zu erfreuen und schließlich in einen Raum führte, der wohl das Foyer zu sein glaubte.
Der nach Ungepflegtheit und abgestanden Rauch miefende Raum war etwa sechs Meter breit und ein paar Meter mehr lang. In der linken Ecke befand sich eine Theke, die als Kasse und Bar fungierte. Ein Tisch, dessen Platte vor lauter zerfledderten Pornomagazinen und halbvollen Aschenbechern zu zerbrechen drohte, stand zu meiner Rechten und ächzte stumm vor sich hin. Gleich dahinter waren die Toiletten, die zu meiner Überraschung getrennt waren. Von der Damentoilette her erklang gedämpftes Stöhnen, als ob ein Lungenkrebskranker gerade in seine letzten Zügen verröcheln würde. Was die Ursache war eröffnete sich mir erst etwas später. Nun war da auch eine riesige zweiflügelige Tür, die wohl der Eingang in das Onanierparadies war. Ohne zu wissen was ich tat, stapfte ich mit kleinen Schritten auf die Kasse zu. Der Mann, der dahinter saß und genüsslich an einer Dose Bier nuckelte, war zweifelsohne ein Klon von Bela Lugosi oder gar ein Verwandter des alten Meisters. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, dass der Beobachter dem Bild ohne zu lange nachzudenken ein schwarzes Cape und ein lächerliches Plastikgebiss hinzu fantasierte. Er trug ein ärmelloses Unterhemd, das ihm wohl gut gestanden hätte, hätte er etwa vierzig Kilo mehr auf den Schultern gehabt die so nur den Eindruck eines abgebrochenen Flaschenhalses vermittelten. Seine Brille hat er allem Anschein nach aus Linsen zusammengebaut, die für das Hubbleteleskop bestimmt waren. An den dünnen Unterarmen hatte er sich so viele Tätowierungen stechen lassen, so dass er zuerst die erstaunlich schlaffe Haut lang ziehen musste um die Muster auch als solche erkennen zu lassen, was ihn aber auch weiter nicht zu stören schien.
Hinter Bela waren zierliche Regale lieblos montiert, aber dafür mit viel Liebe mit Pornofilmen auf VHS und DVD bestückt worden. Ich hatte kaum Zeit all die wohlgeformten weiblichen Körper auf den Hüllen zu bewundern, da keuchte mir schon ein „Bitte, der Herr?” entgegen.
Verflucht, ich konnte regelrecht den Atem des Teufels in meinem Nacken spüren. Wenn ich bei dieser Prüfung - denn nichts anderes als eine Versuchung konnte diese Farce sein - versagen würde, wäre dies sehr, sehr übel. Ich bekam den Mund nicht auf, schnappte nach Luft und verspürte einen drückenden Harndrang so wie immer, wenn ich das Gefühl hatte, ich würde etwas Unerlaubtes tun.
Das zunächst teilnahmslose Gesicht Belas begann allmählich Züge von Ungeduld aufzuzeigen. Ich fasste mir verzweifelt an die Kehle. Zu dem Harndrang gesellte eine tief sitzende Übelkeit. Jeden Moment würde ich auf den Teppich reihern. Eine nicht sehr subtile Bemerkung des Mannes, zu der ohne Zweifel meine Physiognomie führte, ließ mich wieder zu Sinnen kommen. Erst jetzt bemerkte ich das kleine Schild auf der Glaswand, die mich von dem Urvater aller blutsaugenden Filmschauspieler trennte. Lächelnd sah ich ihm zum ersten Mal in die Augen. „Hätten Sie Arbeit für mich?”, fragte ich in meinem besten akzentfreien Deutsch…
Zwei Tage später fing ich in dieser Fundgrube der Absonderlichkeiten zu arbeiten an. Es war keine schwere Arbeit, jedenfalls nicht für einen seelenlosen Mann. Ich hatte nur alle anderthalb Stunden die DVDs zu wechseln, die Aschenbecher im Foyer zu leeren und aufzupassen, dass keiner die Zeche prellte. Das mysteriöse Stöhnen auf der Damentoilette hatte ich auch schon enträtselt. Es handelte sich dabei um die Laute, die die Hausdame ausstieß, wenn sie mal wieder einen Freier im Saal aufgegabelt hatte, der so richtig geil geworden war und in dieser Situation wohl auch ein nasses Auspuffrohr geknallt hätte und sein Glück kaum fassen konnte, wenn er der kleinen Rumänin gewahr wurde, die sich wie zufällig auf einmal neben ihm den Reißverschluss runter zog.
Das Damenklo, das aus plausiblen Gründen zu 99% der Zeit unbesetzt war, drängte sich geradezu als ein pragmatisches Liebesnest auf.
Manchmal, wenn ich nach Feierabend im Bett lag, füllten sich meine Augen mit Tränen der Scham und des Schmerzes, aber ich brauchte das Geld und es war leicht verdient. Natürlich ist das die klassische Ausrede eines jeden Versagers, aber was sollte es schon?
In diesen Nächten begannen mich unheimliche Träumen aufzusuchen. Fantasien, Spinnereien farbenfrohe Gebilde, lebendige Realitäten anderer Dimensionen, anderer Zeiten, anderer Welten. Ich befand mich an Orten, die anderen Menschen verschlossen waren, ich habe Dinge gesehen, von denen ich nicht mal ahnte, dass sie möglich seien, deren bloße Möglichkeit ich überhaupt bezweifelt hätte. In diesen Sphären weilte ich nicht gerne. Mir wurde unerklärlich, wie sich Menschen des Abends problemlos niederlegen können und wohl wissen was da auf sie zukommt. Meine Augen wurden schwer, meine Glieder erschlafften protestierend und ich wechselte unfreiwillig auf die andere Seite…
…ich stehe an einem Pult und schaue an mich herab. Mein Körper ist in feinstem italienischen Tuch gehüllt, an meinem Handgelenk baumelt eine goldene Schweizer Uhr, meine Fingernägel sind sorgfältig manikürt und ich dufte betörend nach Männlichkeit und Macht. Vor mir sitzen in einem großen Halbkreis gepflegte Männer und Frauen und gähnen wie Leute, die keine materiellen Sorgen kennen. Ich bemerke, wie ich meine unterbrochene Rede weiter führe und wie von selbst verlassen Spitzfindigkeiten, Lügen und tausende Frechheiten und Unterstellungen meine gespaltene Zunge. Anscheinend war ich Oppositionspolitiker und ging gerade meiner Arbeit nach. Keinerlei Beschämung oder ähnlich Störendes empfinden setze ich mich nach dem Ende meiner Tirade auf meinen Platz zurück, der ziemlich rechtsaußen angesetzt war. Frauen und Männer kommen und gehen, ihre Parolen erbrechend, ihre kranken Ideen verlautbarend und zu guter Letzt mich und Millionen andere langweilend. Endlich ruft der Präsident eine Pause aus, damit wir neue Kraft für unsere Halbwahrheiten gewinnen können. Vergnügt begebe ich mich auf die Toilette und entleere jegliche Wahrheit aus meinen Därmen. Mein Geschäft beendet habend, trete ich an das Becken und erblicke im Spiegel ein Gesicht, das vor gewohnter Schwindelei zu einem freundlichen Grinsen gefroren ist. Zufrieden über mich selbst und meinem Erfolg drehe ich schwungvoll den Wasserhahn auf, doch es sprudelt kein Wasser hervor, sondern eine Faden ziehende, klebrige Flüssigkeit, die nach alten Kastanien riecht. Ich erschrecke. Bestimmt handelte es sich wieder um einen der gefürchteten Anschläge der berüchtigten FKK (Fraktion der Kämpferischen Kommunistenuntoten), die wieder auferstanden waren, als man sie aus der Hölle schmiss, da sie die Macht zu übernehmen drohten. Ich renne schreiend aus der Toilette und sehe mit vor Entsetzen geweiteten Augen den unfassbaren Schrecken, der sich mir offenbart. Von den Wänden und der Decke tropft die ekelige Flüssigkeit herab, mehrere Kollegen hatten sich schon die Kleider vom Leib gerissen und kopulierten mit leerem Blick unter heftigem Gestöhne. Ängstlich strecke ich meine Hand nach dem weißen Teufelszeug aus, doch bevor ich sie noch berühre bellt jemand mit sich überschlagender Stimme hinter mir:“ Um Gottes Willen, fass es nicht an! Es ist Zauberejakulat, das aus sämtlichen Abgeordneten willenlos vertrottelte Sexzombies macht!!!“ Der Mann, der mir diese lebensrettenden Worte zuruft ist ein Mandatar der Sozialdemokraten. „Was ist passiert? Es wird doch nicht schon wieder…?“ Doch bevor ich meine Frage zu Ende führen kann, sehe ich die fleischgewordene Antwort am Ende des Ganges wüten. Es sind Stalin und Marx, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit den vertrauten Gesichtern aufweisen, die seinerzeit auf unzähligen Plakaten abgebildet waren. Beide sind etwa 155 cm groß und bringen um die 167 Kilo auf die Waage. Sie sind nackt bis auf eine strahlend weiße Windel, die durch riesige Sicherheitsnadeln befestigt sind und über die sich ihre gigantischen Eutern stülpen. Grundgütiger, jetzt sehe ich auch woher das teuflische Zauberejakulat kam. Aus den Windeln der beiden Monster lugen giftgrüne Schläuche hervor, die zu einem Tank auf ihrem Rücken führen. Mittels eines Rohres spritzen sie alles voll was sich bewegt und nicht schnell genug ausweichen kann. Unmenschliche laute, die wie Boybandgeplärre klingen, verlassen ihre Mäuler, die mit Blut und Galle verschmiert sind. Da werde ich plötzlich meines Parteiobmannes und seiner Stellvertreterin gewahr, die neben uns auftauchen und mit einer M-16 und einer Uzi aus alten israelischen Armeebeständen bewaffnet sind. Entschlossen feuern sie auf die roten Viecher, doch es ist als ob sie in einen unbelebten Gelatinebrocken schießen würden. Die einzige Wirkung, die die Schüsse zeigen ist, dass Karl und Josef auf uns aufmerksam werden. Wie ein unerbittlicher Tsunami rollen sie wild um sich spritzend auf uns zu und begehen zumindest eine gute Tat, als sie dabei die Bildungsministerin zu Tode trampeln. Ich konnte die alte Schnepfe noch nie leiden, auch nicht als sie grölend während der Kopulation mit dem Kanzler aus dem Leben scheidet. Wir rennen angsterfüllt auf den Aufzug zu, dessen Türen gerade aufgehen. Drinnen vergnügt sich gerade der Finanzminister mit der Parteivorsitzenden der grünen Fraktion, in dessen Hals er sich gerade verbissen hatte. Selbst eine volle Ladung des Ejakulats konnte ihn nicht gänzlich von seiner miesen Art abhalten. Die Monster sind fast angelangt. Geistesgegenwärtig schmeiße ich die Zombies auf sie und drücke auf den Knopf zum Erdgeschoss, während meine Kollegen weiterhin ihre Munition in die Wänste schießen. Es nützt alles nichts. Die Türen bleiben offen. Ich muss mit ansehen, wie meine Gefährten bestialisch verstümmelt werden und mir fliegen blutige Knochen und rotes Fleisch um die Ohren. Ich gebe auf. Wie versteinert sehe ich Josef Stalin seine Windel lösen. Langsam gleitet der Latz auf den Boden und das Letzte, das ich sehe, ist ein tropfender Penis, der sich mir gnadenlos in den Kopf bohrt…
…mit einem gellenden Schrei wachte ich aus dem Schlaf auf. Ich betastete hastig mein Gesicht, nur um zu merken, dass es nichts weiter als ein idiotischer Traum war. Torkelnd bahnte ich meinen Weg durch das Zimmer auf den Gang um mir die Därme aus dem Leib zu kotzen. Stalin mochte ich nicht besonders, aber den armen Marx mit spermaverklebtem Bart zu sehen, war doch zu viel für mich. Benommen wankte ich zurück in mein Bett und wartete auf die rettende Entzauberung der Nacht durch die Sonne.
Bela war mit meiner Arbeit nicht unzufrieden. Ich verheimlichte ihm meinen Plan in den nächsten Tagen zu kündigen, schließlich wollte ich ja noch das Urlaubsgeld mit einstreichen, bevor ich dieses Loch verließ. Diese letzten Tage kamen mir sehr lang vor, also vertrieb ich mir meine Zeit damit, mich mit den Kunden zu unterhalten. Die meisten von ihnen waren durchschnittliche Sittenstrolche, aber es gab durchaus ein, zwei interessante Typen, die es wert waren, sich die imaginären Wachspfropfen aus den Ohren zu ziehen.
Am eindrucksvollsten fand ich immer die Erzählungen eines ehemaligen Geografieprofessors, der sich rühmte, den halben männlichen Nahen Osten von Beirut bis Herat, von Kars bis Muskat, mit seinem Zauberstab verwöhnt zu haben.
Selbstverständlich gab es zwar keine Bildmaterialien von seinen Abenteuern, waren diese damals doch noch zu teuer um sie in einem drittklassigen Elektronikgeschäft zu besorgen, die gezeigt hätten, was er alles so bei außerplanmäßigen Zugstopps, bei gepflegten Pfeifen in Opiumhöhlen oder bei diversen Matinées in entlegenen Oasen angestellt hatte, denn ansonsten wäre er heute längst in einem Atemzug mit D.H. Lawrence genannt worden. Das war jedenfalls, was er behauptete.
Mein Lieblingskunde war dieser zwei Meter große Phallus jedoch nicht, denn der erste Platz gebührte ohne Zweifel dem schweigsamen jungen Mann, der wohl einer Liebesaffäre eines Inuit mit einer Kegelrobbe entsprungen sein dürfte. Er bezahlte stets mit gesenktem Kopf, vergaß immer aufs Neue seine Eintrittskarte auf dem Tresen, so dass ich sie als Schwarzkarte wiederverwerten und das Geld so für mich behalten konnte, und zückte jedes Mal schon auf halbem Weg zum Saal seine Taschentuchpackung.
Verträumt zischte er dann einige Wörter, die ich trotz gespitzter Ohren nicht verstehen konnte, und bevor er noch den Mut verlor war er dann schon in seinem gelobten Reich des hemmungslosen Onanierens. Manches Mal brauchte selbst er eine kurze Pause. Das waren dann die Momente, in denen er sich zu mir gesellte und von seinem Steckenpferd philosophierte.
Verschiedene Techniken wie zum Beispiel Linksstreichen, fremde Hand, Palme schütteln und wie er es sonst so nannte bestimmten dann das Gespräch. Es gab da ein großes Problem, das er einfach nicht lösen konnte. Er kam nämlich mit seinem Mund nicht ganz zu seinem Musikantenorgan hinunter, sodass er das Ejakulat stets mit Luft kontaminiert zu sich nehmen musste. Das bereitete ihm großen Verdruss und brachte mich zum Seufzen. Da veränderte sich sein Blick. Entschieden sah er mir mit seinen stahlblauen Augen in mein südländisches Gesicht und entdeckte mein Innerstes.
Der hässliche Dämon namens Mitleid hatte sich da eingenistet und hielt diesem eisernen Blick nicht stand. Nun waren andere Beschäftigungsformen als falsche Verständnisbekundungen, idiotisches Kopfnicken bei jedem zweiten Satz, das erzwungene Aufmerksamkeit bekundete und einem hie und da in kraftvoll virilem Tonfall gehauchten „Mhm“, gefragt. Die mit der Handfläche zur Decke zeigende Rauchhand senkte sich von Fluten eines Schamesmeeres überwältigt langsam hinab und da war der kleine Gauner, der mir das angetan hatte, auch schon wieder verpufft als wäre er nie dagewesen.
In diesen Momenten hasste ich den Kerl. Nun ja, Sie werden mir wohl recht geben müssen, wenn ich zu behaupten wage, dass Entzücken nicht gerade das vorherrschende Gefühl ist, welches man empfindet, wenn jemand verzweifelt genug ist um einem den Spiegel der Wahrheit vor das vor Falschheit verzerrte Gesicht zu knallen. Schön ist es nicht und unnötig auch, wenn man damit nicht gerade die Welt retten kann.
Ich versuchte mich aus dieser feindlichen Atmosphäre im Kino wenigstens mental zu befreien und wandte dann einige Meditationstechniken eines berühmten indischen Mystikers an, der zu seinem Glück schon tot und somit Gegenstand zahlreicher Lobgesänge war, bei denen durch harmonisch halbkontrolliertes Ein- und Ausatmen ein Gefühl grenzenloser Ekstase vermittelt werden sollte.
Routiniert lehnte ich mich gegen das Regal mit den Porno-DVDs, faltete meine Hände zwei Fingerbreit unter meinem Bauchnabel um dem Zentrum der Göttlichkeit in mir so nahe wie möglich zu kommen und ließ meine Gedanken wie die Sterne im Vorspann von „Star Trek“ an meinem inneren Auge vorbei gleiten. Noch nie war ich jenem Gefühl so nahe und ich spürte, dass ich auf dem richtigen Weg war, um es kennen zu lernen. Der Schlüssel zur Zufriedenheit mit meinen Fähigkeiten, Tugenden und Vorzügen sowie der friedlichen Koexistenz mit Mensch, Tier, Pflanze und Unbeseeltem im gesamten Kosmos war zum Greifen nahe. Mein Astralleib durchwanderte das Universum in Augenblicken, die mir wie Äonen vorkamen und schließlich fand ich den Ursprung an sich - die Antwort, die lange vor der Frage nach ihr existierte.
Gottes Gegenwart durchströmte mich mit nur einem Tropfen seines aus Myriaden Ozeanen seienden Seins und dieser eine Tropfen würde mir sämtliche Antworten mit einem unfassbaren Beben in mein vor Ergriffenheit überbordendes Herz bringen. Der klarste Moment, in dem das menschliche Bewusstsein mit dem göttlichen verschmilzt, das letzte Stück auf dem Weg der Erkenntnisentwicklung, der Flug des sufistischen Blumenduftes hoch über sämtlich menschlich-allzumenschlichem würde in Kürze die Handvoll Atome aus denen ich bestand zur Kernwaffe der Liebe, zum ionisierenden Botschafter von Güte und Barmherzigkeit werden lassen. Ruhig und geehrt wie noch nie in meinem Leben fand ich den rechten Augenblick, öffnete meine Augen und blickte dem Allmächtigen ins Gesicht.
Er hatte ein eingefallenes Gesicht und seine Nase wurde von einer monströsen Brille, dessen Linsen wohl für das Hubbleteleskop bestimmt waren, niedergedrückt, und schrie: „Was zum Geier ist hier los? Wieso arbeitest du nicht, verdammte Scheiße?!“
Ernüchtert wie ein geprügelter Hund eilte ich zum DVD-Player, den ich schon seit drei Stunden vernachlässigt hatte und tauschte das cineastische Kleinod „Feuchtfete in Mösendorf“ gegen das nicht minder wertvolle Epos namens „Oma, fick mich ins Koma“ aus.
Verflucht, Bela hatte mir mit der erdig-schlichten Weisheit eines Durchnittsproleten sämtliche Türen zur Glückseligkeit zugeknallt, die ich in mühselig akribischer Kleinstarbeit zu öffnen vermochte, als ich für die kurze Zeit dem Irdischen entwichen war. Ach, Bela….
Zuhause angelangt und die restlichen endlosen Stunden dieser sinnentleerten Arbeit endlich erledigt habend, setzte ich eine Kanne Earl Grey auf zu dem ich eine Schachtel Zigaretten zu rauchen gedachte. Den Blick in unbekannte Weiten gerichtet, beobachtete ich meine Gedanken beim Lustwandeln.
Sie durchstreiften üppige Wiesen, gesäumt von ehrwürdigen, uralten Trauerweiden und Ahornbäumen mit majestätischen Wipfeln. Ein lieblich plätschernder Bach verlieh dem malerischen Bild noch eine verletzliche Schönheit. Erwachsene Gedanken
Ich lebte mein ganzes Leben als Fremder in einer mitteleuropäischen Metropole, sofern diese Bezeichnung für eine Stadt im Herzen Europas zutreffen mag. Meine Sprache ist die Deutsche, meine Herkunft eine andere, aber das werde ich Ihnen später noch berichten können.
Meine Wohnung befand sich in einem Nebenbezirk der Innenstadt, in einem Gebäude, das wahrscheinlich von einem Architekten entworfen wurde, der in einem Zeitalter lebte in dem es der letzte Schrei war Propheten an Kreuze zu nageln und zu verstümmeln, weil sie nicht wie jeder andere vernünftige Mensch der Hurerei, dem Betrug und dem Diebstahl verfallen waren.
Eine nackte Glühbirne erhellte den einzigen Raum, der Wohnzimmer, Schlafgemach, Küche, Abstellkammer, Badezimmer und Gästesalon in Einem war. Die Toilette musste ich mir mit den anderen Bewohnern meines Stockwerkes teilen und ich kann Ihnen nur beipflichten, wenn Sie meinen, es würde ein unheimliches Vergnügen sein dort zu sitzen und sich mit dem Gedanken zu beschäftigen wie viele Hinterteile, große, kleine, behaarte, glatte, knackige, knochige, plumpe, verschrumpelte und vor allem lecke, alle in ein gemeinsames Loch zur meist wohltuenden Defäkation schritten. Manche Darminhalte sind, wie Sie ja aus eigener langjährigen Erfahrung wissen, kompakt. Andere dafür weniger und manchmal kann es ja passieren, dass ein wenig daneben geht, weil man nicht schnell genug war.
Ich, in meiner Eigenschaft als nicht in diesem Land Geborener, bin sehr erpicht darauf, neue Worte zu lernen, oder bereits Bekannte zu verstehen. Zum Beispiel führte mich die Tatsache, dass nur wenige meiner Nachbarn nach getaner Arbeit die wurstähnlichen Gebilde oder was auch immer da in der Muschel herum schwamm, runter zu spülen, zur erleuchtenden Bedeutung des mir bis dahin mysteriös gebliebenen „scheißegal”.
Als Ausländer hat man es nicht leicht mit diesem verdammten Deutsch, aber tröstend darf ich hinzufügen, dass es meistens genügt abzuwarten und erstaunlicherweise pflegen dann Ungereimtheiten wie frisch duftende Bauchwinde an die Außenwelt respektive ins Verständnis zu treten.
Es war mir jedes Mal ein Rätsel, was ich in besagtem Raum eigentlich ablud. Bestand doch meine tägliche Ration an Essbarem aus weniger, als eine genügsame Bakterie zum Überleben brauchte. Dies ist nicht der Fall, weil ich etwa am Hungertuch nagen würde oder gar geizig war. Es war nur so, dass ich das überaus gewöhnliche Gefühl des Hungers dadurch unterdrücken konnte, indem ich grob über dem Daumen gepeilt etwa vier Schachteln billige Zigaretten am Tag rauchte.
Und wenn ich dann doch durch eine Fügung der Natur einmal in zwei Wochen austreten musste, ergab es sich immer dabei der wunderbar röchelnden Stimme meiner Vermieterin beiwohnen zu dürfen, wie sie meinen komplizierten Namen aus ihren klebrigen Lungen presste. Da stand sie also in ihrer vollen Größe von anderthalb Metern vor mir. So plötzlich geschah diese Aktion immer wieder aufs Neue, dass ich mehr als einmal beinahe meine mühsam zusammen gesparten Fäkalien einfach meine Hosen füllen ließ.
Sie war alt, sehr alt. Sie war schon alt, als Gilgamesch nach dem ewigen Leben suchte. Ich war unerschütterlich davon überzeugt, dass sie frühmorgens von geheimnisvollen Gnomen mittels einer komplizierten Apparatur aus ihrem Sarkophag gehievt, mit Wedeln und Bürsten abgestaubt, und dann auf die armen Mieter ihres Zinshauses losgelassen wurde. Wie immer keifte sie mit einer Stimme, die an Moder und Verwesung erinnerte, von unbezahlten Mieten, lauten Mietern und den vertrockneten Häufchen auf der Gemeinschaftstoilette. Ich ließ alles geduldig über mich ergehen, war das doch nichts anderes als der Wunsch nach Zuneigung und Liebe, Gefühle die sie nicht mehr von einem menschlichen Wesen erwarten durfte, seit ihr Gatte in der Blüte seiner Jugend versehentlich von einem Mammut nieder getrampelt wurde. Durch Zufall erfuhr ich von ihrer Sucht nach berauschenden Substanzen. Sie pflegte sie zwischen eben jenen vertrockneten Häufchen zu verstecken, die sie so sehr hasste, da nicht einmal der abgebrühteste Drogenfahnder es über sich brachte zwischen Koprolithen und Reiswasserdurchfällen zu wühlen und so blieben die kleinen Plastikkügelchen in den kleinen Plastiksäckchen in den Häufchen auch unentdeckt.
Ich gebe beschämt zu, dann und wann mit Absicht die Muschel nicht korrekt zu befüllen, damit meiner hochgeschätzten Vermieterin die Verstecke nicht ausgingen. So erhielt ich mir ein wenig Lebensqualität, denn mir wurde nicht ganz das Hirn aus den Ohren gesprengt, wenn sie in ihre Litaneien verfiel. Ganz anders meine Nachbarn, von denen etwa die Hälfte schon professionelle Hilfe in Anspruch nahm um mit dieser Belastung fertig zu werden und die andere Hälfte noch auf ihre Termine wartete. In Wien ist es nicht so leicht, einen unterbeschäftigten Therapeuten zu erwischen. Ich meinte so manches Mal auf subtile Weise zu ihr, dass sie doch bitte ein klein wenig mehr Wandel in ihr Leben zulassen sollte, aber das gab ich recht schnell wieder auf. Man kann nicht von einer Dame, die noch den Glanz des Urknalls vor ihren Augen hatte, erwarten einfach so ihre alten Gepflogenheiten aufzugeben.
So in etwa sah es aus, wenn ich meine Wohnung verließ, aber daran gewöhnte man sich recht schnell. Zurück in meinem Allzweckzimmer versuchte ich ein wenig zu lesen, schaffte es aber nicht ganz. Ihnen ist wohl schon aufgefallen, dass ich bisher nicht über meine Lebensgefährtin geplaudert habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie noch nicht existiert, aber dieser kleine Schönheitsfehler kann meine Liebe zu ihr nicht im Mindesten schmälern.
Wenn Sie nun denken, Sie hätten es mit einem völlig irren, vereinsamten Pseudomoslem zu tun, der die Härte des Lebens in Westeuropa nicht mehr aushält, dann haben Sie natürlich nicht unrecht, aber ich bevorzuge es eher, als philanthropischer, enttäuschter Gelegenheitsarbeiter mit Migrationshintergrund bezeichnet zu werden.
Wie dem auch sei, bis jetzt ist mir noch kein weibliches Wesen über den Weg gelaufen, das es länger als drei Wochen aushielte zusammen mit mir die Atemluft zu teilen. Vermutlich ist dies einer der Gründe, weshalb ich eine mir anfangs unerklärliche Abneigung gegen hübsche Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu eigen machte. Ich versichere Ihnen, dass dies keinerlei hirnrissig-religiöses Problem ist, sondern eine reine, ganz normale Neurose, was eigentlich dasselbe ist, aber doch einen gewaltigen Unterschied macht. Nun ja, es klingt seltsam, aber tief in mir habe ich den Glauben doch noch nicht ganz aufgegeben, was insofern schade ist, wenn ich spazieren gehe und das nichtsahnende Opfer der Einflüsterungen Satans werde, der mir grinsend ans Herz legte, doch in diesen gewagten Ausschnitt zu schauen oder jene Schenkel mit meiner Astralzunge zu liebkosen.
Es ist immer so eine Sache mit dem Muslim-Sein für mich gewesen. Zur Zeit war ich es ein bisschen wieder, aber das konnte sich schnell ändern. Es ist immer schwer gewesen zu glauben, aber es war noch schwerer, ziellos mit einem Gefühl der Leere im Herzen durch billige Stripshows und Bordelle zu streunen und sich dabei zu fragen was man da eigentlich tut. Es schien mir manchmal, ich wäre ein modernere Leibeigener, auch Fußballprofi genannt, der von einem himmlischen Verein an den Erzrivalen aus den Feuersümpfen verhökert wird und dann nach einiger Zeit wieder zu dem alten Verein wechseln muss, dann wieder verkauft und gekauft wird und dann wieder hin, wieder her und so weiter. Schließlich bleiben am Ende als Dank lediglich Tritte und Hassparolen ehemals loyaler Fans, Kollegen und Bosse, die sich von der käuflichen Ratte verraten fühlen.
Aber möglicherweise lag meiner Einsamkeit noch Anderes zu Grunde. Zum Beispiel mein Hirn, das in einer seltsamen Art und Weise verschaltet zu sein schien. Es kam mehr als einmal vor, dass dieses Organ chemische Prozesse bei malerischen Vollmondnächten einleitete, die sich angesichts dieser archaischen Schönheit in ergriffene Tränen des Glücks manifestierten, nur um einige Augenblicke später zusammenhängende Bilder zu projizieren, die den Charakter eines miesen Sodomiepornos aufweisen, wenn sich eine ahnungslose Katze zu dem pittoresken Blickfeld dazu gesellt. Sie müssen mir vertrauen, wenn ich Ihnen versichere, dass ich niemals ein armes Kätzchen zu Tode begatten würde, denken Sie bitte wenigstens in diese Hinsicht nicht schlecht von mir. Das tat ich selbst zur Genüge, bis ich merkte, dass nicht alles, was ich denke auch umgesetzt wird, was unschwer daran zu erkennen ist, dass ich immer noch so ein mitleiderregendes Leben führte.
In meiner Wohnung hielt ich es nie lange aus, was mich nicht nur von diversen guten Vorsätzen abbrachte, sondern auch langsam von der geistigen Gesundheit. Außerdem hielt es mich vom Lesen ab und führte mich in die dreckigen Gassen meiner Umgebung, in denen ich sinnenentleert von einem Ende zum anderen schritt. Das ist dann auch meistens der Ausschlag gewesen wieder religiös zu werden oder dem Schweife Satans hinterher zu laufen. Ich irrte ziellos durch die engen Wege herum und sah viel Unrat auf dem Bordstein liegen. Das meiste war menschlichen Ursprungs und ein paar Reste atmeten noch.
Minutenlanges Grübeln begleitete meine Blicke auf den Asphalt während meine Füße mich in unbekannte Gefilde trugen, so lange bis ich beschloss, meine Aufmerksamkeit wieder der Realität zu widmen und da sah ich, dass ich vor einem runden, beleuchteten Schaufenster stand. Zwei Neonröhren brachten ihre letzte Kraft auf um das Plakat darin sichtbar zu halten, auf dem eine junge Frau in vollendeter Nacktheit zu sehen war und einer anderen jungen Frau einen präparierten Baseballschläger in die vaselineverschmierte Vagina schob.
Über dem Pop-Art Juwel prangte ein Schild auf dem zu lesen war: HEUTE!!! Leicht verwundert betrachtete ich die gynäkologische Brachialuntersuchung und rief mein Wissen über die Dehnbarkeit des vaginalen Schlauchmuskels ab, was ich aber gleich wieder aufgab, da mich das zu diesem Zeitpunkt doch überforderte.
In dem Fenster stand des weiteren, das Kino hätte bis zwei Uhr in der Früh geöffnet. Es war gerade kurz nach Mitternacht, wie mir ein Blick auf meine Uhr verriet und ich spürte, wie mich Luzifers Prügel unaufhaltsam in Richtung Eingang diktierte. Von der Konkurrenz dachte ich noch nicht so schlecht, als dass sie so etwas für gut befinden würden, also musste es zweifelsohne der Leibhaftige sein, der mir die Tür aufhielt, mich die Treppen rauf dirigierte, ab und zu stehen bleiben ließ um meine Augen mit diversen Filmpostern zu erfreuen und schließlich in einen Raum führte, der wohl das Foyer zu sein glaubte.
Der nach Ungepflegtheit und abgestanden Rauch miefende Raum war etwa sechs Meter breit und ein paar Meter mehr lang. In der linken Ecke befand sich eine Theke, die als Kasse und Bar fungierte. Ein Tisch, dessen Platte vor lauter zerfledderten Pornomagazinen und halbvollen Aschenbechern zu zerbrechen drohte, stand zu meiner Rechten und ächzte stumm vor sich hin. Gleich dahinter waren die Toiletten, die zu meiner Überraschung getrennt waren. Von der Damentoilette her erklang gedämpftes Stöhnen, als ob ein Lungenkrebskranker gerade in seine letzten Zügen verröcheln würde. Was die Ursache war eröffnete sich mir erst etwas später. Nun war da auch eine riesige zweiflügelige Tür, die wohl der Eingang in das Onanierparadies war. Ohne zu wissen was ich tat, stapfte ich mit kleinen Schritten auf die Kasse zu. Der Mann, der dahinter saß und genüsslich an einer Dose Bier nuckelte, war zweifelsohne ein Klon von Bela Lugosi oder gar ein Verwandter des alten Meisters. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, dass der Beobachter dem Bild ohne zu lange nachzudenken ein schwarzes Cape und ein lächerliches Plastikgebiss hinzu fantasierte. Er trug ein ärmelloses Unterhemd, das ihm wohl gut gestanden hätte, hätte er etwa vierzig Kilo mehr auf den Schultern gehabt die so nur den Eindruck eines abgebrochenen Flaschenhalses vermittelten. Seine Brille hat er allem Anschein nach aus Linsen zusammengebaut, die für das Hubbleteleskop bestimmt waren. An den dünnen Unterarmen hatte er sich so viele Tätowierungen stechen lassen, so dass er zuerst die erstaunlich schlaffe Haut lang ziehen musste um die Muster auch als solche erkennen zu lassen, was ihn aber auch weiter nicht zu stören schien.
Hinter Bela waren zierliche Regale lieblos montiert, aber dafür mit viel Liebe mit Pornofilmen auf VHS und DVD bestückt worden. Ich hatte kaum Zeit all die wohlgeformten weiblichen Körper auf den Hüllen zu bewundern, da keuchte mir schon ein „Bitte, der Herr?” entgegen.
Verflucht, ich konnte regelrecht den Atem des Teufels in meinem Nacken spüren. Wenn ich bei dieser Prüfung - denn nichts anderes als eine Versuchung konnte diese Farce sein - versagen würde, wäre dies sehr, sehr übel. Ich bekam den Mund nicht auf, schnappte nach Luft und verspürte einen drückenden Harndrang so wie immer, wenn ich das Gefühl hatte, ich würde etwas Unerlaubtes tun.
Das zunächst teilnahmslose Gesicht Belas begann allmählich Züge von Ungeduld aufzuzeigen. Ich fasste mir verzweifelt an die Kehle. Zu dem Harndrang gesellte eine tief sitzende Übelkeit. Jeden Moment würde ich auf den Teppich reihern. Eine nicht sehr subtile Bemerkung des Mannes, zu der ohne Zweifel meine Physiognomie führte, ließ mich wieder zu Sinnen kommen. Erst jetzt bemerkte ich das kleine Schild auf der Glaswand, die mich von dem Urvater aller blutsaugenden Filmschauspieler trennte. Lächelnd sah ich ihm zum ersten Mal in die Augen. „Hätten Sie Arbeit für mich?”, fragte ich in meinem besten akzentfreien Deutsch…
Zwei Tage später fing ich in dieser Fundgrube der Absonderlichkeiten zu arbeiten an. Es war keine schwere Arbeit, jedenfalls nicht für einen seelenlosen Mann. Ich hatte nur alle anderthalb Stunden die DVDs zu wechseln, die Aschenbecher im Foyer zu leeren und aufzupassen, dass keiner die Zeche prellte. Das mysteriöse Stöhnen auf der Damentoilette hatte ich auch schon enträtselt. Es handelte sich dabei um die Laute, die die Hausdame ausstieß, wenn sie mal wieder einen Freier im Saal aufgegabelt hatte, der so richtig geil geworden war und in dieser Situation wohl auch ein nasses Auspuffrohr geknallt hätte und sein Glück kaum fassen konnte, wenn er der kleinen Rumänin gewahr wurde, die sich wie zufällig auf einmal neben ihm den Reißverschluss runter zog.
Das Damenklo, das aus plausiblen Gründen zu 99% der Zeit unbesetzt war, drängte sich geradezu als ein pragmatisches Liebesnest auf.
Manchmal, wenn ich nach Feierabend im Bett lag, füllten sich meine Augen mit Tränen der Scham und des Schmerzes, aber ich brauchte das Geld und es war leicht verdient. Natürlich ist das die klassische Ausrede eines jeden Versagers, aber was sollte es schon?
In diesen Nächten begannen mich unheimliche Träumen aufzusuchen. Fantasien, Spinnereien farbenfrohe Gebilde, lebendige Realitäten anderer Dimensionen, anderer Zeiten, anderer Welten. Ich befand mich an Orten, die anderen Menschen verschlossen waren, ich habe Dinge gesehen, von denen ich nicht mal ahnte, dass sie möglich seien, deren bloße Möglichkeit ich überhaupt bezweifelt hätte. In diesen Sphären weilte ich nicht gerne. Mir wurde unerklärlich, wie sich Menschen des Abends problemlos niederlegen können und wohl wissen was da auf sie zukommt. Meine Augen wurden schwer, meine Glieder erschlafften protestierend und ich wechselte unfreiwillig auf die andere Seite…
…ich stehe an einem Pult und schaue an mich herab. Mein Körper ist in feinstem italienischen Tuch gehüllt, an meinem Handgelenk baumelt eine goldene Schweizer Uhr, meine Fingernägel sind sorgfältig manikürt und ich dufte betörend nach Männlichkeit und Macht. Vor mir sitzen in einem großen Halbkreis gepflegte Männer und Frauen und gähnen wie Leute, die keine materiellen Sorgen kennen. Ich bemerke, wie ich meine unterbrochene Rede weiter führe und wie von selbst verlassen Spitzfindigkeiten, Lügen und tausende Frechheiten und Unterstellungen meine gespaltene Zunge. Anscheinend war ich Oppositionspolitiker und ging gerade meiner Arbeit nach. Keinerlei Beschämung oder ähnlich Störendes empfinden setze ich mich nach dem Ende meiner Tirade auf meinen Platz zurück, der ziemlich rechtsaußen angesetzt war. Frauen und Männer kommen und gehen, ihre Parolen erbrechend, ihre kranken Ideen verlautbarend und zu guter Letzt mich und Millionen andere langweilend. Endlich ruft der Präsident eine Pause aus, damit wir neue Kraft für unsere Halbwahrheiten gewinnen können. Vergnügt begebe ich mich auf die Toilette und entleere jegliche Wahrheit aus meinen Därmen. Mein Geschäft beendet habend, trete ich an das Becken und erblicke im Spiegel ein Gesicht, das vor gewohnter Schwindelei zu einem freundlichen Grinsen gefroren ist. Zufrieden über mich selbst und meinem Erfolg drehe ich schwungvoll den Wasserhahn auf, doch es sprudelt kein Wasser hervor, sondern eine Faden ziehende, klebrige Flüssigkeit, die nach alten Kastanien riecht. Ich erschrecke. Bestimmt handelte es sich wieder um einen der gefürchteten Anschläge der berüchtigten FKK (Fraktion der Kämpferischen Kommunistenuntoten), die wieder auferstanden waren, als man sie aus der Hölle schmiss, da sie die Macht zu übernehmen drohten. Ich renne schreiend aus der Toilette und sehe mit vor Entsetzen geweiteten Augen den unfassbaren Schrecken, der sich mir offenbart. Von den Wänden und der Decke tropft die ekelige Flüssigkeit herab, mehrere Kollegen hatten sich schon die Kleider vom Leib gerissen und kopulierten mit leerem Blick unter heftigem Gestöhne. Ängstlich strecke ich meine Hand nach dem weißen Teufelszeug aus, doch bevor ich sie noch berühre bellt jemand mit sich überschlagender Stimme hinter mir:“ Um Gottes Willen, fass es nicht an! Es ist Zauberejakulat, das aus sämtlichen Abgeordneten willenlos vertrottelte Sexzombies macht!!!“ Der Mann, der mir diese lebensrettenden Worte zuruft ist ein Mandatar der Sozialdemokraten. „Was ist passiert? Es wird doch nicht schon wieder…?“ Doch bevor ich meine Frage zu Ende führen kann, sehe ich die fleischgewordene Antwort am Ende des Ganges wüten. Es sind Stalin und Marx, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit den vertrauten Gesichtern aufweisen, die seinerzeit auf unzähligen Plakaten abgebildet waren. Beide sind etwa 155 cm groß und bringen um die 167 Kilo auf die Waage. Sie sind nackt bis auf eine strahlend weiße Windel, die durch riesige Sicherheitsnadeln befestigt sind und über die sich ihre gigantischen Eutern stülpen. Grundgütiger, jetzt sehe ich auch woher das teuflische Zauberejakulat kam. Aus den Windeln der beiden Monster lugen giftgrüne Schläuche hervor, die zu einem Tank auf ihrem Rücken führen. Mittels eines Rohres spritzen sie alles voll was sich bewegt und nicht schnell genug ausweichen kann. Unmenschliche laute, die wie Boybandgeplärre klingen, verlassen ihre Mäuler, die mit Blut und Galle verschmiert sind. Da werde ich plötzlich meines Parteiobmannes und seiner Stellvertreterin gewahr, die neben uns auftauchen und mit einer M-16 und einer Uzi aus alten israelischen Armeebeständen bewaffnet sind. Entschlossen feuern sie auf die roten Viecher, doch es ist als ob sie in einen unbelebten Gelatinebrocken schießen würden. Die einzige Wirkung, die die Schüsse zeigen ist, dass Karl und Josef auf uns aufmerksam werden. Wie ein unerbittlicher Tsunami rollen sie wild um sich spritzend auf uns zu und begehen zumindest eine gute Tat, als sie dabei die Bildungsministerin zu Tode trampeln. Ich konnte die alte Schnepfe noch nie leiden, auch nicht als sie grölend während der Kopulation mit dem Kanzler aus dem Leben scheidet. Wir rennen angsterfüllt auf den Aufzug zu, dessen Türen gerade aufgehen. Drinnen vergnügt sich gerade der Finanzminister mit der Parteivorsitzenden der grünen Fraktion, in dessen Hals er sich gerade verbissen hatte. Selbst eine volle Ladung des Ejakulats konnte ihn nicht gänzlich von seiner miesen Art abhalten. Die Monster sind fast angelangt. Geistesgegenwärtig schmeiße ich die Zombies auf sie und drücke auf den Knopf zum Erdgeschoss, während meine Kollegen weiterhin ihre Munition in die Wänste schießen. Es nützt alles nichts. Die Türen bleiben offen. Ich muss mit ansehen, wie meine Gefährten bestialisch verstümmelt werden und mir fliegen blutige Knochen und rotes Fleisch um die Ohren. Ich gebe auf. Wie versteinert sehe ich Josef Stalin seine Windel lösen. Langsam gleitet der Latz auf den Boden und das Letzte, das ich sehe, ist ein tropfender Penis, der sich mir gnadenlos in den Kopf bohrt…
…mit einem gellenden Schrei wachte ich aus dem Schlaf auf. Ich betastete hastig mein Gesicht, nur um zu merken, dass es nichts weiter als ein idiotischer Traum war. Torkelnd bahnte ich meinen Weg durch das Zimmer auf den Gang um mir die Därme aus dem Leib zu kotzen. Stalin mochte ich nicht besonders, aber den armen Marx mit spermaverklebtem Bart zu sehen, war doch zu viel für mich. Benommen wankte ich zurück in mein Bett und wartete auf die rettende Entzauberung der Nacht durch die Sonne.
Bela war mit meiner Arbeit nicht unzufrieden. Ich verheimlichte ihm meinen Plan in den nächsten Tagen zu kündigen, schließlich wollte ich ja noch das Urlaubsgeld mit einstreichen, bevor ich dieses Loch verließ. Diese letzten Tage kamen mir sehr lang vor, also vertrieb ich mir meine Zeit damit, mich mit den Kunden zu unterhalten. Die meisten von ihnen waren durchschnittliche Sittenstrolche, aber es gab durchaus ein, zwei interessante Typen, die es wert waren, sich die imaginären Wachspfropfen aus den Ohren zu ziehen.
Am eindrucksvollsten fand ich immer die Erzählungen eines ehemaligen Geografieprofessors, der sich rühmte, den halben männlichen Nahen Osten von Beirut bis Herat, von Kars bis Muskat, mit seinem Zauberstab verwöhnt zu haben.
Selbstverständlich gab es zwar keine Bildmaterialien von seinen Abenteuern, waren diese damals doch noch zu teuer um sie in einem drittklassigen Elektronikgeschäft zu besorgen, die gezeigt hätten, was er alles so bei außerplanmäßigen Zugstopps, bei gepflegten Pfeifen in Opiumhöhlen oder bei diversen Matinées in entlegenen Oasen angestellt hatte, denn ansonsten wäre er heute längst in einem Atemzug mit D.H. Lawrence genannt worden. Das war jedenfalls, was er behauptete.
Mein Lieblingskunde war dieser zwei Meter große Phallus jedoch nicht, denn der erste Platz gebührte ohne Zweifel dem schweigsamen jungen Mann, der wohl einer Liebesaffäre eines Inuit mit einer Kegelrobbe entsprungen sein dürfte. Er bezahlte stets mit gesenktem Kopf, vergaß immer aufs Neue seine Eintrittskarte auf dem Tresen, so dass ich sie als Schwarzkarte wiederverwerten und das Geld so für mich behalten konnte, und zückte jedes Mal schon auf halbem Weg zum Saal seine Taschentuchpackung.
Verträumt zischte er dann einige Wörter, die ich trotz gespitzter Ohren nicht verstehen konnte, und bevor er noch den Mut verlor war er dann schon in seinem gelobten Reich des hemmungslosen Onanierens. Manches Mal brauchte selbst er eine kurze Pause. Das waren dann die Momente, in denen er sich zu mir gesellte und von seinem Steckenpferd philosophierte.
Verschiedene Techniken wie zum Beispiel Linksstreichen, fremde Hand, Palme schütteln und wie er es sonst so nannte bestimmten dann das Gespräch. Es gab da ein großes Problem, das er einfach nicht lösen konnte. Er kam nämlich mit seinem Mund nicht ganz zu seinem Musikantenorgan hinunter, sodass er das Ejakulat stets mit Luft kontaminiert zu sich nehmen musste. Das bereitete ihm großen Verdruss und brachte mich zum Seufzen. Da veränderte sich sein Blick. Entschieden sah er mir mit seinen stahlblauen Augen in mein südländisches Gesicht und entdeckte mein Innerstes.
Der hässliche Dämon namens Mitleid hatte sich da eingenistet und hielt diesem eisernen Blick nicht stand. Nun waren andere Beschäftigungsformen als falsche Verständnisbekundungen, idiotisches Kopfnicken bei jedem zweiten Satz, das erzwungene Aufmerksamkeit bekundete und einem hie und da in kraftvoll virilem Tonfall gehauchten „Mhm“, gefragt. Die mit der Handfläche zur Decke zeigende Rauchhand senkte sich von Fluten eines Schamesmeeres überwältigt langsam hinab und da war der kleine Gauner, der mir das angetan hatte, auch schon wieder verpufft als wäre er nie dagewesen.
In diesen Momenten hasste ich den Kerl. Nun ja, Sie werden mir wohl recht geben müssen, wenn ich zu behaupten wage, dass Entzücken nicht gerade das vorherrschende Gefühl ist, welches man empfindet, wenn jemand verzweifelt genug ist um einem den Spiegel der Wahrheit vor das vor Falschheit verzerrte Gesicht zu knallen. Schön ist es nicht und unnötig auch, wenn man damit nicht gerade die Welt retten kann.
Ich versuchte mich aus dieser feindlichen Atmosphäre im Kino wenigstens mental zu befreien und wandte dann einige Meditationstechniken eines berühmten indischen Mystikers an, der zu seinem Glück schon tot und somit Gegenstand zahlreicher Lobgesänge war, bei denen durch harmonisch halbkontrolliertes Ein- und Ausatmen ein Gefühl grenzenloser Ekstase vermittelt werden sollte.
Routiniert lehnte ich mich gegen das Regal mit den Porno-DVDs, faltete meine Hände zwei Fingerbreit unter meinem Bauchnabel um dem Zentrum der Göttlichkeit in mir so nahe wie möglich zu kommen und ließ meine Gedanken wie die Sterne im Vorspann von „Star Trek“ an meinem inneren Auge vorbei gleiten. Noch nie war ich jenem Gefühl so nahe und ich spürte, dass ich auf dem richtigen Weg war, um es kennen zu lernen. Der Schlüssel zur Zufriedenheit mit meinen Fähigkeiten, Tugenden und Vorzügen sowie der friedlichen Koexistenz mit Mensch, Tier, Pflanze und Unbeseeltem im gesamten Kosmos war zum Greifen nahe. Mein Astralleib durchwanderte das Universum in Augenblicken, die mir wie Äonen vorkamen und schließlich fand ich den Ursprung an sich - die Antwort, die lange vor der Frage nach ihr existierte.
Gottes Gegenwart durchströmte mich mit nur einem Tropfen seines aus Myriaden Ozeanen seienden Seins und dieser eine Tropfen würde mir sämtliche Antworten mit einem unfassbaren Beben in mein vor Ergriffenheit überbordendes Herz bringen. Der klarste Moment, in dem das menschliche Bewusstsein mit dem göttlichen verschmilzt, das letzte Stück auf dem Weg der Erkenntnisentwicklung, der Flug des sufistischen Blumenduftes hoch über sämtlich menschlich-allzumenschlichem würde in Kürze die Handvoll Atome aus denen ich bestand zur Kernwaffe der Liebe, zum ionisierenden Botschafter von Güte und Barmherzigkeit werden lassen. Ruhig und geehrt wie noch nie in meinem Leben fand ich den rechten Augenblick, öffnete meine Augen und blickte dem Allmächtigen ins Gesicht.
Er hatte ein eingefallenes Gesicht und seine Nase wurde von einer monströsen Brille, dessen Linsen wohl für das Hubbleteleskop bestimmt waren, niedergedrückt, und schrie: „Was zum Geier ist hier los? Wieso arbeitest du nicht, verdammte Scheiße?!“
Ernüchtert wie ein geprügelter Hund eilte ich zum DVD-Player, den ich schon seit drei Stunden vernachlässigt hatte und tauschte das cineastische Kleinod „Feuchtfete in Mösendorf“ gegen das nicht minder wertvolle Epos namens „Oma, fick mich ins Koma“ aus.
Verflucht, Bela hatte mir mit der erdig-schlichten Weisheit eines Durchnittsproleten sämtliche Türen zur Glückseligkeit zugeknallt, die ich in mühselig akribischer Kleinstarbeit zu öffnen vermochte, als ich für die kurze Zeit dem Irdischen entwichen war. Ach, Bela….
Zuhause angelangt und die restlichen endlosen Stunden dieser sinnentleerten Arbeit endlich erledigt habend, setzte ich eine Kanne Earl Grey auf zu dem ich eine Schachtel Zigaretten zu rauchen gedachte. Den Blick in unbekannte Weiten gerichtet, beobachtete ich meine Gedanken beim Lustwandeln.
Sie durchstreiften üppige Wiesen, gesäumt von ehrwürdigen, uralten Trauerweiden und Ahornbäumen mit majestätischen Wipfeln. Ein lieblich plätschernder Bach verlieh dem malerischen Bild noch eine verletzliche Schönheit. Erwachsene Gedanken
Details
- 45Seiten
- 844 (7) Aufrufe (30 Tage)
- Kategorien
- 4 / 2Bewertungen / Kommentare
- Einstelldatum
- 4Ø-Bewertung
Download
Formateigenschaften: amobo-Format. Es wird keine zusätzliche Lesesoftware benötigt.

+Kommentare (2)
Gefällt mir gut :)
drendel • 19.08.2011 15:04Wow! Manches können so viele Nachempfinden. Eine klare Linie.Toll
Mary • 22.07.2011 09:10