Über das eBook
immortalspycat
Auf Regen folgt Sonnenschein
Ein traumhafter Ort. Ein wunderbarer Tag. Ein Mensch, der sich hinter einem falschen Lachen versteckt.
- FSK ab 0 Jahren
- Sprache: de
- Veröffentlicht:
- ISBN:
- Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.
Auf Regen folgt Sonnenschein
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mir das letzte Mal zum Lachen zumute war. Dabei setze ich mir jeden Tag ein breites Lächeln auf. Es reicht von einem Ohr zum anderen und jeder, dem ich begegne, ist nahezu automatisch froh. Sobald ich die Kulissen betrete, stürzen Kinder freudestrahlend auf mich zu. Sie können es nicht erwarten, meinen weichen Pelz zu berühren und eine meiner flauschigen Tatzen zu schütteln. Für sie bin ich ein Held, ein ewig gut gelauntes Plüschtier.
Ich muss schon tausende von Umarmungen gegeben und tausende von Umarmungen erhalten haben. Das Lachen von Kindern und Erwachsenen begleitet mich durch den Tag und hallt mir noch am Abend im riesigen Kostümfundus in den Ohren, wenn ich aus meiner Rolle in meine Privatklamotten schlüpfe. Beim Betrachten all der fantasievollen Verkleidungen von Helden und Heldinnen zahlreicher Kinderfilme – plüschige Anzüge, märchenhafte Prinzessinnenkleider und Kostüme galanter Prinzen, enorme Köpfe und verspielte Accessoires – erinnere ich mich daran, wie viele Menschen mich um meinen Job beneiden müssen. Meine Arbeit, die mich für acht Stunden am Tag in das Herz von Kinderträumen führt. Man sollte meinen, ich sei einer der glücklichsten Menschen der Welt.
Davon bin ich jedoch weit entfernt. Es arrangiert mich sehr, dass meine Maske für mich lächelt. Meine eigenen Mundwinkel sind seit langem schwer wie Blei. Und dieses Gewicht, welches ich auf meinen Schultern spüre, stammt nicht von dem großen Pappmachékopf, den ich mir aufsetze.
„Hey, träumst du, Tigrou? Wir müssen onstage, die Leute warten.“
Mein Kollege im hellblauen Overall, der mich heute begleitet, kennt meinen Vornahmen nicht. Daher nennt er mich beim Namen der Trickfilmfigur, die ich verkörpere. Das Namensschild an seiner Brust sagt, dass er Vincent heißt. Mit ihm habe ich bisher noch nicht zusammen gearbeitet. Er gibt mir meinen geringelten Schwanz in die linke Pfote, damit ich nicht darüber stolpere und nimmt mich bei der rechten um mich durch eine der schmalen, bunt lackierten Holztüren aus dem Backstagebereich in die Kulissen zu führen. Mein halb geöffnetes Maul ist das einzige Sichtfenster, welches ich habe, wenn ich in meiner Rolle befinde. Begleitet von beschwingter Musik, die von überall her aus Lautsprechern dudelt, gut kaschiert in dem detailgetreuen Dekor der niedlichen Häuser wie den Anfängen des 19 Jahrhunderts entsprungen, marschiere ich an der Hand meines Kollegen auf eine kleine Bühne zu, wo ein Fotograf bereits auf mich wartet. Vincent hilft mir die Stufen empor und sondert sich dann in einer Distanz von wenigen Schritten ab.
Vor mir reihen sich in einer beachtlichen Schlange begeistert schnatternde, ungeduldig hibblende Kinder mit ihren Eltern auf. Ich winke ihnen zu und tänzele auf der Stelle, meinen Schwanz in Kreisen herumwirbelnd. Helles Kindergelächter bricht hier und da aus, erste Fotos werden aus der Besucherschlange geschossen. Ich reibe mir die Pfoten als könne Tigrou es kaum erwarten, Bekanntschaft mit seinen neuen kleinen Freunden zu machen.
Die Absperrkordel, die mich von den Gästen trennt, wird gelöst. Ein Junge, zwischen zwei und drei Jahre alt mit elektrischen blonden Haaren, stürmt hektisch der Bühne zu. Als er auf der letzten Stufe ausrutscht, auf seine von Latzhosen geschützten Knie plumpst und zu weinen anfängt, helfe ich ihm vorsichtig hoch, tätschele ihm den Kopf und verwusele ihm die Haare, die ihm daraufhin nach allen Seiten abstehen. Er schluckt seine Tränen hinunter. Die Eltern lachen erleichtert und der Kleine erklärt mich in rudimentärer Sprache sofort zu seinem besten Freund. Er will am liebsten nicht mehr gehen. Seine Meinung ändert sich blitzartig als ihm sein Vater, leicht gestresst wirkend durch die ungeduldigen Blicke anderer Mütter und Väter, ein großes Eis in Aussicht stellt.
Daraufhin betritt ein Mädchen im Grundschulalter die Bühne. Sie hält mir erwartungsvoll einen mit rosa Strasssteinen beklebten Schreibblock und einen Kugelschreiber hin. Während ich ungelenk ein paar Kringel zu Papier bringe, die als mein Autogramm durchgehen sollen, erzählt sie mir von ihren Plänen, Tierärztin zu werden, wenn sie erwachsen ist.
Meine nächste Besucherin ist eine kleine Spanierin, die an meinen Hals geklammert eine wahre Wortflut in ihrer Muttersprache über mich strömen lässt. „Te qiero, te quiero, te quiero!“ ,beteuert sie mir zum Abschied.
Und so spiele und tanze ich mit Jungen und Mädchen. Ich posiere, winke, hüpfe und hampele für französische, englische, italienische, niederländische und spanische Kinder. Oder aus welcher Ecke Europas oder der Welt sie auch immer kommen mögen. Blaue, braune und grüne Augen, manche mit Brille, manche mit Silberblick, strahlen mich an. Ich schreibe weitere Autogramme, lasse mich knuddeln und am Schwanz ziehen.
Am Abend wird mir kein einziges der Kinder im Detail im Gedächtnis bleiben. Ihre Gesichter ziehen wie in einem Nebel an mir vorbei, sobald ich mit meinem Auftritt beginne. Doch dieser Nebel lichtet sich unerwartet.
Die Besucherschlange hat sich sehr verkürzt und die Reihe ist an einem zierlichen Mädchen mit langen Zöpfen. Sie hat die Hände in den Taschen ihres Jeansträgerkleides vergraben und schaut von der untersten Treppenstufe unsicher zu mir hinauf.
„Na los, du bist dran, Liebling“ ,höre ich ihre Eltern, Franzosen, sagen, „Du wirst doch nicht auf einmal zu schüchtern sein?“
„Das ist es nicht“ ,erwidert sie, „Ich glaube nur nicht, dass es der richtige Moment ist.“
„Der richtige Moment?“ ,hakt ihre Mutter nach, „Mein Flöhchen, wir haben lange genug angestanden.“
Ich breite aufmunternd meine Arme aus, um dem Mädchen die Entscheidung zu erleichtern. Es dreht sich zu seiner Mutter um. „Ich weiß nicht, Maman, Tigrou sieht sehr erschöpft und müde aus.“
„Aber nicht doch. Im Gegenteil. Schau mal, wie sehr er sich freut, deine Bekanntschaft zu machen.“
Ich stapfe einen Schritt nach vorn und breite die Arme noch weiter aus. In meiner Magengegend spüre ich allerdings ob der Feststellung der Zöpfchenträgerin leichtes Unbehagen.
Schließlich scheint sie sich ein Herz zu fassen. Sie steigt die Stufen hoch. In meine Arme kommt sie dennoch nicht.
„Freust du dich wirklich?“ ,fragt sie, die Hände nicht länger in ihren Taschen verborgen, sondern verlegen mit ihnen spielend.
Da Tigrou nicht spricht, beuge ich mich vorn über und klopfe mir auf die Knie. Meine Geste für: Natürlich. Ich bin förmlich außer mir vor Freude und amüsiere mich köstlich
Das Mädchen wirkt skeptisch. „Also auf mich wirkst du traurig.“
Ich schüttele den Kopf und mache eine ausladende Geste, die den blauen Himmel, die Gäste und das Märchenschloss im Hintergrund der Szene umfasst.
Wie sollte ich wohl traurig sein? Schau dich doch nur einmal um
„Tigrou, du musst mir nichts vormachen.“
Der Ausspruch versetzt mir einen Stich. So langsam fühle ich mich unwohl in meinem Pelz.
Meine Pfoten in die flauschigen Hüften gestemmt, wende ich dem Mädchen mein Tigerlachen zu
Aber, aber, junges Fräulein...
„Ehrlich. Weißt du, jeder ist einmal traurig. Das ist ganz normal. Deine Schultern hängen ein wenig zu sehr und dein Kopf ist zu stark nach vorn gebeugt. Das sagt mir, dass du dich traurig fühlst. Auch, wenn du die ganze Zeit lachst.“
Mein Herz klopft merklich schneller. Ich verschränke die Arme vor der Brust, korrigiere dann aber schnell diese verschlossene Geste und beginne stattdessen damit, meinen Schwanz in den Tatzen zu wringen.
Meine Liebe, ich bin verwirrt. Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.
Ich bete stumm darum, dass das Mädchen seine Analyse aufgibt, sich mit mir fotografieren lässt und dann endlich geht. Ein Schweißtropfen perlt mit unangenehmer Langsamkeit meinen Rücken herunter. Er wird ein paar Freunde treffen, die in der kleinen Mulde am Ende meiner Wirbelsäule bereits auf ihn warten.
Das Kind kaut auf seiner Unterlippe. Dann macht es einen beherzten Schritt auf mich zu. „Du musst dich nicht hinter deinem Lachen verstecken, wenn du gar nicht lachen willst. Magst du mit mir darü ber reden, warum du traurig bist?“
„Flöhchen, jetzt werd' aber nicht philosophisch“ ,der Vater des Mädchens kommt hinzu, „Willst du denn gar kein Foto mit Tigrou?“
Mit jedem Atemzug wächst mein Unwohlsein, das Gefühl, durchschaut zu werden. Seit ich hier arbeite, habe ich so etwas noch nie gespürt. Kommen Sie schon – bettele ich im Stillen für mich – kommen Sie, Vater dieser Nervensäge, die sich für eine Tiefenspychologin von Märchenfiguren hält. Sprechen Sie ein Machtwort oder gehen Sie einfach weg mit ihrer Tochter. Ich weiß sonst nicht, was ich tue.
Das Kind ignoriert seinen Vater, streckt eine kleine Hand nach mir aus und legt sie auf meinen Unterarm. „Ich höre dir zu, okay?“ ,flüstert sie und drückt sanft zu.
In meinem Magen löst sich das Knäuel aus Unbehagen in einer wütenden Explosion. Ich schüttele die Hand des Mädchens ab.
„Scheiße! Was weißt du denn schon?!“ ,blaffe ich.
Die in der Warteschlange verbleibenden Gäste schnappen schockiert nach Luft.
Alarmiert tritt Vincent, der sich bisher diskret im Hintergrund gehalten hat, an meine Seite. Doch er reagiert nicht schnell genug, um mich an meiner nächsten Handlung zu hindern. Ich stemme meine Pfoten unter den Pappmachékopf und hebele ihn mir von den Schultern.
„Schau her“ ,sage ich zu dem Mädchen, „du hast recht, mein Lachen ist bloß Fassade. Mein eigenes Gesicht hat das Lachen verlernt. Und willst du wissen, warum? -Ich erkläre es dir: Seit Jahren nun arbeite ich hier, weit weg von zu Hause. In meinem Land bin ich auf eine exzellente Schauspielschule gegangen, ich hatte einen fabelhaften Abschluss. Aber es gab keine Engagements für mich. Nur hier, in einem Vergnügungspark im Ausland, wo man mir anbot, das plumpe, ewig gut gelaunte Plüschtier zu spielen. Als ich hier ankam, hatte ich Träume, Pläne. Ich wollte zur Opéra, ganz gewichtige Rollen spielen, bedeutungsvolle Rollen. Doch weißt du was? -Ein neonoragenes Kostüm ist keine gute Referenz für große Opernhäuser. An fünf Tagen in der Woche gebe ich hier den bepelzten Clown und meine freien Tage verbringe ich bei Castings und Vorsprechen, die nichts als Absagen mit sich ziehen. Ich habe Schulden, weil die Schauspielschule sauteuer war und deswegen bin ich gezwungen, hier zu bleiben, wo ich ein kleines Einkommen habe, das es mir erlaubt, diese Schulden abzustottern.
Meine Verlobte hat mich vor einem Jahr verlassen, weil sie die Distanz nicht mehr ertragen konnte und noch viel weniger den Gedanken, dass ihr Zukünftiger den Großteil seiner Zeit in einem Tigerkostüm durch die Gegend springt, anstatt auf den großen Bühnen der Welt zu stehen. Vor zwei Monaten ist meine Mutter gestorben. Ich, ihr einziger Sohn, war nicht an ihrer Seite, als es mit ihr zu Ende ging. Mein Vater träge es mir nach. Seit der Beerdigung hat er mich nicht angerufen und ich stoße während meiner Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, stets auf den Anrufbeantworter. Ich bin allein...ich habe hier quasi tausende von Kollegen, doch ich gehe niemals abends mit einem von ihnen weg. Sie kennen nicht einmal meinen richtigen Namen! Ich bin ein gescheiterter, einsamer Schauspieler mit einem doofen, ausländischen Akzent!!“
Nach diesem wütenden Monolog ist mein Blick verschleiert. Ich höre das ein- oder andere vor Entsetzen weinende Kind.
„Das ist doch wohl das Letzte!“ und „Welche Wracks stellt man hier denn neuerdings ein? Sowie „Sowas lässt man nun auf Kinder los.“ ,sind die empörten Kommentare, die mir in den Sprachen, die ich verstehe, zu Ohren kommen.
„Ich gehe dann mal die Fotos bearbeiten“ ,erklärt der mit der Situation überforderte Fotograf. Er verlässt diskret die Szene und Vincent hingegen will wissen, ob ich noch ganz bei Trost bin.
Ich breche in Tränen aus. Wie ein kleines Kind lasse ich von Schluchzern begleitete Sturzbäche über meine Wangen laufen. Beschämt schlage ich mir die Tatzen vor die Augen.
„Komm, Liebes. Es ist besser, wenn wir jetzt gehen“, höre ich den Vater des Mädchens sagen. Daraufhin zieht mir jemand eine mittlerweile feuchte Pfote vor dem Gesicht weg. Es ist die Zöpfchenträgerin. „Was willst du denn noch hier?“ ,murmele ich leiernd und erschöpft.
„Wie heißt du?“ ,fragt sie mich. Sie schaut weder schockiert noch verärgert aus. Ihr Blick der, welchen Kinder gegenüber einem weinenden Altersgenossen aufsetzen. Ehrlich gesagt fühle ich mich in diesem Moment auch kaum älter als sieben.
„Christopher. Ich heiße Christopher“ ,antworte ich.
„Ich bin Emily“ ,stellt sich das Mädchen vor. Mit einem scheuen Lächeln erklärt sie: „Weißt du, wenn ich traurig bin, sagt meine Mama immer zu mir 'Auf Regen folgt Sonnenschein'. Irgendwann wird alles wieder gut, Christopher.“
Und damit stellt sie sich auf die Zehenspitzen und umarmt mich fest. Ich zögere einen Augenblick, dann schließe ich sie in die Arme.
Heute lächele ich zum ersten Mal seit langer, Zeit. Zaghaft, aber ich lächele.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mir das letzte Mal zum Lachen zumute war. Dabei setze ich mir jeden Tag ein breites Lächeln auf. Es reicht von einem Ohr zum anderen und jeder, dem ich begegne, ist nahezu automatisch froh. Sobald ich die Kulissen betrete, stürzen Kinder freudestrahlend auf mich zu. Sie können es nicht erwarten, meinen weichen Pelz zu berühren und eine meiner flauschigen Tatzen zu schütteln. Für sie bin ich ein Held, ein ewig gut gelauntes Plüschtier.
Ich muss schon tausende von Umarmungen gegeben und tausende von Umarmungen erhalten haben. Das Lachen von Kindern und Erwachsenen begleitet mich durch den Tag und hallt mir noch am Abend im riesigen Kostümfundus in den Ohren, wenn ich aus meiner Rolle in meine Privatklamotten schlüpfe. Beim Betrachten all der fantasievollen Verkleidungen von Helden und Heldinnen zahlreicher Kinderfilme – plüschige Anzüge, märchenhafte Prinzessinnenkleider und Kostüme galanter Prinzen, enorme Köpfe und verspielte Accessoires – erinnere ich mich daran, wie viele Menschen mich um meinen Job beneiden müssen. Meine Arbeit, die mich für acht Stunden am Tag in das Herz von Kinderträumen führt. Man sollte meinen, ich sei einer der glücklichsten Menschen der Welt.
Davon bin ich jedoch weit entfernt. Es arrangiert mich sehr, dass meine Maske für mich lächelt. Meine eigenen Mundwinkel sind seit langem schwer wie Blei. Und dieses Gewicht, welches ich auf meinen Schultern spüre, stammt nicht von dem großen Pappmachékopf, den ich mir aufsetze.
„Hey, träumst du, Tigrou? Wir müssen onstage, die Leute warten.“
Mein Kollege im hellblauen Overall, der mich heute begleitet, kennt meinen Vornahmen nicht. Daher nennt er mich beim Namen der Trickfilmfigur, die ich verkörpere. Das Namensschild an seiner Brust sagt, dass er Vincent heißt. Mit ihm habe ich bisher noch nicht zusammen gearbeitet. Er gibt mir meinen geringelten Schwanz in die linke Pfote, damit ich nicht darüber stolpere und nimmt mich bei der rechten um mich durch eine der schmalen, bunt lackierten Holztüren aus dem Backstagebereich in die Kulissen zu führen. Mein halb geöffnetes Maul ist das einzige Sichtfenster, welches ich habe, wenn ich in meiner Rolle befinde. Begleitet von beschwingter Musik, die von überall her aus Lautsprechern dudelt, gut kaschiert in dem detailgetreuen Dekor der niedlichen Häuser wie den Anfängen des 19 Jahrhunderts entsprungen, marschiere ich an der Hand meines Kollegen auf eine kleine Bühne zu, wo ein Fotograf bereits auf mich wartet. Vincent hilft mir die Stufen empor und sondert sich dann in einer Distanz von wenigen Schritten ab.
Vor mir reihen sich in einer beachtlichen Schlange begeistert schnatternde, ungeduldig hibblende Kinder mit ihren Eltern auf. Ich winke ihnen zu und tänzele auf der Stelle, meinen Schwanz in Kreisen herumwirbelnd. Helles Kindergelächter bricht hier und da aus, erste Fotos werden aus der Besucherschlange geschossen. Ich reibe mir die Pfoten als könne Tigrou es kaum erwarten, Bekanntschaft mit seinen neuen kleinen Freunden zu machen.
Die Absperrkordel, die mich von den Gästen trennt, wird gelöst. Ein Junge, zwischen zwei und drei Jahre alt mit elektrischen blonden Haaren, stürmt hektisch der Bühne zu. Als er auf der letzten Stufe ausrutscht, auf seine von Latzhosen geschützten Knie plumpst und zu weinen anfängt, helfe ich ihm vorsichtig hoch, tätschele ihm den Kopf und verwusele ihm die Haare, die ihm daraufhin nach allen Seiten abstehen. Er schluckt seine Tränen hinunter. Die Eltern lachen erleichtert und der Kleine erklärt mich in rudimentärer Sprache sofort zu seinem besten Freund. Er will am liebsten nicht mehr gehen. Seine Meinung ändert sich blitzartig als ihm sein Vater, leicht gestresst wirkend durch die ungeduldigen Blicke anderer Mütter und Väter, ein großes Eis in Aussicht stellt.
Daraufhin betritt ein Mädchen im Grundschulalter die Bühne. Sie hält mir erwartungsvoll einen mit rosa Strasssteinen beklebten Schreibblock und einen Kugelschreiber hin. Während ich ungelenk ein paar Kringel zu Papier bringe, die als mein Autogramm durchgehen sollen, erzählt sie mir von ihren Plänen, Tierärztin zu werden, wenn sie erwachsen ist.
Meine nächste Besucherin ist eine kleine Spanierin, die an meinen Hals geklammert eine wahre Wortflut in ihrer Muttersprache über mich strömen lässt. „Te qiero, te quiero, te quiero!“ ,beteuert sie mir zum Abschied.
Und so spiele und tanze ich mit Jungen und Mädchen. Ich posiere, winke, hüpfe und hampele für französische, englische, italienische, niederländische und spanische Kinder. Oder aus welcher Ecke Europas oder der Welt sie auch immer kommen mögen. Blaue, braune und grüne Augen, manche mit Brille, manche mit Silberblick, strahlen mich an. Ich schreibe weitere Autogramme, lasse mich knuddeln und am Schwanz ziehen.
Am Abend wird mir kein einziges der Kinder im Detail im Gedächtnis bleiben. Ihre Gesichter ziehen wie in einem Nebel an mir vorbei, sobald ich mit meinem Auftritt beginne. Doch dieser Nebel lichtet sich unerwartet.
Die Besucherschlange hat sich sehr verkürzt und die Reihe ist an einem zierlichen Mädchen mit langen Zöpfen. Sie hat die Hände in den Taschen ihres Jeansträgerkleides vergraben und schaut von der untersten Treppenstufe unsicher zu mir hinauf.
„Na los, du bist dran, Liebling“ ,höre ich ihre Eltern, Franzosen, sagen, „Du wirst doch nicht auf einmal zu schüchtern sein?“
„Das ist es nicht“ ,erwidert sie, „Ich glaube nur nicht, dass es der richtige Moment ist.“
„Der richtige Moment?“ ,hakt ihre Mutter nach, „Mein Flöhchen, wir haben lange genug angestanden.“
Ich breite aufmunternd meine Arme aus, um dem Mädchen die Entscheidung zu erleichtern. Es dreht sich zu seiner Mutter um. „Ich weiß nicht, Maman, Tigrou sieht sehr erschöpft und müde aus.“
„Aber nicht doch. Im Gegenteil. Schau mal, wie sehr er sich freut, deine Bekanntschaft zu machen.“
Ich stapfe einen Schritt nach vorn und breite die Arme noch weiter aus. In meiner Magengegend spüre ich allerdings ob der Feststellung der Zöpfchenträgerin leichtes Unbehagen.
Schließlich scheint sie sich ein Herz zu fassen. Sie steigt die Stufen hoch. In meine Arme kommt sie dennoch nicht.
„Freust du dich wirklich?“ ,fragt sie, die Hände nicht länger in ihren Taschen verborgen, sondern verlegen mit ihnen spielend.
Da Tigrou nicht spricht, beuge ich mich vorn über und klopfe mir auf die Knie. Meine Geste für: Natürlich. Ich bin förmlich außer mir vor Freude und amüsiere mich köstlich
Das Mädchen wirkt skeptisch. „Also auf mich wirkst du traurig.“
Ich schüttele den Kopf und mache eine ausladende Geste, die den blauen Himmel, die Gäste und das Märchenschloss im Hintergrund der Szene umfasst.
Wie sollte ich wohl traurig sein? Schau dich doch nur einmal um
„Tigrou, du musst mir nichts vormachen.“
Der Ausspruch versetzt mir einen Stich. So langsam fühle ich mich unwohl in meinem Pelz.
Meine Pfoten in die flauschigen Hüften gestemmt, wende ich dem Mädchen mein Tigerlachen zu
Aber, aber, junges Fräulein...
„Ehrlich. Weißt du, jeder ist einmal traurig. Das ist ganz normal. Deine Schultern hängen ein wenig zu sehr und dein Kopf ist zu stark nach vorn gebeugt. Das sagt mir, dass du dich traurig fühlst. Auch, wenn du die ganze Zeit lachst.“
Mein Herz klopft merklich schneller. Ich verschränke die Arme vor der Brust, korrigiere dann aber schnell diese verschlossene Geste und beginne stattdessen damit, meinen Schwanz in den Tatzen zu wringen.
Meine Liebe, ich bin verwirrt. Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.
Ich bete stumm darum, dass das Mädchen seine Analyse aufgibt, sich mit mir fotografieren lässt und dann endlich geht. Ein Schweißtropfen perlt mit unangenehmer Langsamkeit meinen Rücken herunter. Er wird ein paar Freunde treffen, die in der kleinen Mulde am Ende meiner Wirbelsäule bereits auf ihn warten.
Das Kind kaut auf seiner Unterlippe. Dann macht es einen beherzten Schritt auf mich zu. „Du musst dich nicht hinter deinem Lachen verstecken, wenn du gar nicht lachen willst. Magst du mit mir darü ber reden, warum du traurig bist?“
„Flöhchen, jetzt werd' aber nicht philosophisch“ ,der Vater des Mädchens kommt hinzu, „Willst du denn gar kein Foto mit Tigrou?“
Mit jedem Atemzug wächst mein Unwohlsein, das Gefühl, durchschaut zu werden. Seit ich hier arbeite, habe ich so etwas noch nie gespürt. Kommen Sie schon – bettele ich im Stillen für mich – kommen Sie, Vater dieser Nervensäge, die sich für eine Tiefenspychologin von Märchenfiguren hält. Sprechen Sie ein Machtwort oder gehen Sie einfach weg mit ihrer Tochter. Ich weiß sonst nicht, was ich tue.
Das Kind ignoriert seinen Vater, streckt eine kleine Hand nach mir aus und legt sie auf meinen Unterarm. „Ich höre dir zu, okay?“ ,flüstert sie und drückt sanft zu.
In meinem Magen löst sich das Knäuel aus Unbehagen in einer wütenden Explosion. Ich schüttele die Hand des Mädchens ab.
„Scheiße! Was weißt du denn schon?!“ ,blaffe ich.
Die in der Warteschlange verbleibenden Gäste schnappen schockiert nach Luft.
Alarmiert tritt Vincent, der sich bisher diskret im Hintergrund gehalten hat, an meine Seite. Doch er reagiert nicht schnell genug, um mich an meiner nächsten Handlung zu hindern. Ich stemme meine Pfoten unter den Pappmachékopf und hebele ihn mir von den Schultern.
„Schau her“ ,sage ich zu dem Mädchen, „du hast recht, mein Lachen ist bloß Fassade. Mein eigenes Gesicht hat das Lachen verlernt. Und willst du wissen, warum? -Ich erkläre es dir: Seit Jahren nun arbeite ich hier, weit weg von zu Hause. In meinem Land bin ich auf eine exzellente Schauspielschule gegangen, ich hatte einen fabelhaften Abschluss. Aber es gab keine Engagements für mich. Nur hier, in einem Vergnügungspark im Ausland, wo man mir anbot, das plumpe, ewig gut gelaunte Plüschtier zu spielen. Als ich hier ankam, hatte ich Träume, Pläne. Ich wollte zur Opéra, ganz gewichtige Rollen spielen, bedeutungsvolle Rollen. Doch weißt du was? -Ein neonoragenes Kostüm ist keine gute Referenz für große Opernhäuser. An fünf Tagen in der Woche gebe ich hier den bepelzten Clown und meine freien Tage verbringe ich bei Castings und Vorsprechen, die nichts als Absagen mit sich ziehen. Ich habe Schulden, weil die Schauspielschule sauteuer war und deswegen bin ich gezwungen, hier zu bleiben, wo ich ein kleines Einkommen habe, das es mir erlaubt, diese Schulden abzustottern.
Meine Verlobte hat mich vor einem Jahr verlassen, weil sie die Distanz nicht mehr ertragen konnte und noch viel weniger den Gedanken, dass ihr Zukünftiger den Großteil seiner Zeit in einem Tigerkostüm durch die Gegend springt, anstatt auf den großen Bühnen der Welt zu stehen. Vor zwei Monaten ist meine Mutter gestorben. Ich, ihr einziger Sohn, war nicht an ihrer Seite, als es mit ihr zu Ende ging. Mein Vater träge es mir nach. Seit der Beerdigung hat er mich nicht angerufen und ich stoße während meiner Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, stets auf den Anrufbeantworter. Ich bin allein...ich habe hier quasi tausende von Kollegen, doch ich gehe niemals abends mit einem von ihnen weg. Sie kennen nicht einmal meinen richtigen Namen! Ich bin ein gescheiterter, einsamer Schauspieler mit einem doofen, ausländischen Akzent!!“
Nach diesem wütenden Monolog ist mein Blick verschleiert. Ich höre das ein- oder andere vor Entsetzen weinende Kind.
„Das ist doch wohl das Letzte!“ und „Welche Wracks stellt man hier denn neuerdings ein? Sowie „Sowas lässt man nun auf Kinder los.“ ,sind die empörten Kommentare, die mir in den Sprachen, die ich verstehe, zu Ohren kommen.
„Ich gehe dann mal die Fotos bearbeiten“ ,erklärt der mit der Situation überforderte Fotograf. Er verlässt diskret die Szene und Vincent hingegen will wissen, ob ich noch ganz bei Trost bin.
Ich breche in Tränen aus. Wie ein kleines Kind lasse ich von Schluchzern begleitete Sturzbäche über meine Wangen laufen. Beschämt schlage ich mir die Tatzen vor die Augen.
„Komm, Liebes. Es ist besser, wenn wir jetzt gehen“, höre ich den Vater des Mädchens sagen. Daraufhin zieht mir jemand eine mittlerweile feuchte Pfote vor dem Gesicht weg. Es ist die Zöpfchenträgerin. „Was willst du denn noch hier?“ ,murmele ich leiernd und erschöpft.
„Wie heißt du?“ ,fragt sie mich. Sie schaut weder schockiert noch verärgert aus. Ihr Blick der, welchen Kinder gegenüber einem weinenden Altersgenossen aufsetzen. Ehrlich gesagt fühle ich mich in diesem Moment auch kaum älter als sieben.
„Christopher. Ich heiße Christopher“ ,antworte ich.
„Ich bin Emily“ ,stellt sich das Mädchen vor. Mit einem scheuen Lächeln erklärt sie: „Weißt du, wenn ich traurig bin, sagt meine Mama immer zu mir 'Auf Regen folgt Sonnenschein'. Irgendwann wird alles wieder gut, Christopher.“
Und damit stellt sie sich auf die Zehenspitzen und umarmt mich fest. Ich zögere einen Augenblick, dann schließe ich sie in die Arme.
Heute lächele ich zum ersten Mal seit langer, Zeit. Zaghaft, aber ich lächele.
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