Über das eBook
Guy Girardi
Kopfschuss
Tödlich getroffen taumelt die Welt zähnefletschend ihrem Ende entgegen. Gelockt vom Ruf der Todesfee. 10 bösartige Geschichten aus der Schusslinie.
- FSK ab 0 Jahren
- Sprache: de
- Veröffentlicht:
- ISBN:
- Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.
Inhalt
besondere Ausdauer und Courage – so hatte ihr Boss es in seiner Ansprache genannt – hatte sie vor einem Jahr beim, in Holiday Inn Kreisen bekannt gewordenen ‚Arrow Lounge Incident’ – für Insider: ALI – unter Beweis stellen dürfen, was ihr damals sogar eine Empfehlung von ihrem obersten Dienstherrn persönlich eingebracht hatte.
Was die tapfere Rose jedoch gar nicht mochte, das waren Großstädte. Deshalb verließ sie auch stets jeglicher Mut, sobald sie die Grenze ihres geliebten La Grange hinter sich ließ und der Moloch Chicago sie mit ihrem Sonnenbankteint, den durch Softball trainierten Muskeln, ihren starken, dreißigjährigen Knochen, den vegetarisch versorgten Innereien und den hoch toupierten, blendend blonden Haaren verschlang.
Heute aber, das wusste Rose, würde sie hier in Chicago die Vorhölle betreten und es gab absolut nichts, was sie zu ihrer Rettung hätte tun können. Kein starker Polizist, kein adretter Feuerwehrmann, nicht einmal ihr schmieriger Gouverneur hätte ihr nun noch helfen können. Und, nein, ihr Mann Steve schon mal gar nicht. Nicht nur, weil der sich zurzeit wahrscheinlich wieder zwischen den wulstigen Beinen seiner Domina duckte und ihr die Stiefel leckte, fein in schwarzen Lack verpackt, sondern weil er auch außerhalb von Lady Julias Dungeon der erbärmlichste Feigling war, der je über Gottes Erdboden gekrochen ist.
So, also, kämpfte sich Rose einsam und gottverlassen die kalten, marmornen Stufen hoch, zu einem jener verfluchten Orte, an denen die Grenzen zwischen den Dimensionen sich verwischen: 30 Michigan Avenue, Chicago. Und Rose war sich dabei durchaus bewusst, dass sie heute sterben würde. Oh, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Jede arme, schrill quiekende Sau, die erbarmungslos in den Schlachthof geprügelt wird, besaß eine höhere Überlebenschance als die stumme, wehrlose Rose Lachar an jenem sonnigen Morgen im Juli, im engen, kühlen Treppenhaus der Michigan Avenue, dieser Kathedrale des Schmerzes, in der ihre unsicheren, zögernden Schritte kalt und verloren widerhallten. Freiwillig zum Schafott. Rose kämpfte die Tränen nieder. Hatte es wirklich soweit kommen müssen?
Als sie das dritte Stockwerk erreicht hatte und vor der Tür stand, da spürte sie bereits den kalten Odem des nahen Bösen. Mit zitterndem Finger drückte sie die Klingel. Stille. Nur ihr zu flacher Atem. Dann, plötzlich, summte die Tür wie eine wütende Hornisse, schien sie vertreiben zu wollen. Ein letztes Mal Luft holen. Rose richtete sich auf. Sie musste darauf achten, nicht bereits jetzt zu hyperventilieren, denn die Angst zementierte ihr schon die Bauchmuskeln und schnürte ihr die Kehle zu; selbst die Blase schien sich entleeren zu wollen. Alles in ihr rief: Flucht! Stattdessen, gegen besseres Wissen und ihren freien Willen, drückte Rose die eiskalte Klinke und trat ein.
Der Vorhof zur Hölle riecht nicht nach Pech und Schwefel, sondern nach Nelkenöl. Niemand vergisst jemals wieder diesen Geruch. Manchmal sticht er das Gehirn, an verschiedenen Orten unserer Städte, und dann wissen wir, dass jemand in der Nähe ist, ein Glücklicher, aber ein ewig Gezeichneter, ein der Hölle Entronnener. Als Rose der verfluchte Geruch in die bebenden Nüstern stieg, dachte sie bei sich, dies könne nur ein Traum sein. Sie konnte doch nicht wirklich hier sein? An diesem Ort unmenschlichster Schrecken. Freiwillig?
Rose flüsterte ihren eigenen Namen. Die weiße Frau nickte.
Der Vorhof zur Hölle ist sauber und licht, alles ist weiß, selbst die Roben der Dienerinnen. Eine Tür weiter wird an Menschen gesägt, gehämmert und gemeißelt; Maschinen saugen Blut und bohren Knochen. Hier aber ist es ruhig, den Hintergrund drapiert leise Musik.
Der Vorhof zur Hölle hat einen Wartesaal. Licht und geschmackvoll eingerichtet, in dem die Todgeweihten auf ungemütlichen, metallenen Stühlen mit blauem Sitzpolster hocken, scheinbar ruhig in öden Magazinen blätternd, während ihnen in Wirklichkeit, unter der eiskalten Haut das Noradrenalin Blutdruck und Herzschlag in ungeahnte Höhen treibt.
Zu dieser Tageszeit war der Raum noch leer. Rose war die erste, die auf der Liste des Archonten stand. Aber die Geister waren immer hier. Die Geister all derer, die schon geopfert worden waren. Sie saßen hier, hingen auf den Stühlen, kauerten darunter, lagen Rose zu Füßen oder krallten sich auf ewig, wahnsinnig vor Angst, in die weißen Mauern.
Als Rose bedächtig vor das Tischchen in der Mitte des unheilvollen Vorzimmers trat, raste ihr das Blut bereits mit fünffacher Geschwindigkeit durch den kribbelnden Körper und würde ihr Herz vielleicht, so hoffte sie insgeheim, zum erlösenden Infarkt treiben. Aber Rose wollte sich keine Blöße geben, angelte sich deshalb wie beiläufig die neue Cosmo, setzte sich hin, strich sich durchs Haar und lauschte, scheinbar interessiert, den 9 Uhr Nachrichten:
Wer dem Präsidenten zum 60. Geburtstag gratuliert hatte. Interessant. Und Kasey Rogers starb gestern an einem Herzinfarkt. Die Glückliche! Felipe Calderon war zum Präsidenten gewählt worden. Das hat sich „W“ bestimmt zum Geburtstag gewünscht. In London wurde heute früh eine Frau in einem Bahnhof erschossen. Kein Motiv, kein Täter.
Rose konnte das egal sein. Sie würde dieses tiefe Tal der Tränen schon bald durchschritten haben. Ein letztes Mal Cosmo lesen. Sie schlug, scheinbar gelassen, die Beine übereinander. 62 neue Stellungen beim Sex. 7 heiße Schlafzimmerspiele. Das macht 69. Und das alles in einer Ausgabe. Außerdem exklusive Geständnisse von Brittany Murphy! Roses Hände begannen zu zittern; der ganze Körper bebte. Aber nicht aus Vorfreude auf die heißen Enthüllungen. Ihr Körper wollte rennen, toben, um sich schlagen, aber sie gönnte ihm die Freiheit nicht. Wieder stiegen Tränen in ihr hoch. Ihr Geist, in erhöhter Wachsamkeit angesichts der drohenden Gefahr, rumpelte wie gestört in ihrem Kopf hin und her, rammte ihr wie ein wütender Catcher gegen die Schädeldecke. „Renn, du Schlampe!“ brüllte Hulk Hogan. „Lauf um dein Leben!“
Und dann hörte sie die Worte, wie ein Gebet. Sie wurden geflüstert, doch Rose vernahm sie sehr deutlich, über das monotone Geseier der Nachrichtensprecherin. Und die Worte kamen diesmal nicht aus ihrem klammen, bebenden Geist, sondern aus dem Vorzimmer, wo die weißen Frauen schwebten: „ ... das Fett, das die Eingeweide bedeckt, das gesamte Fett an den Eingeweiden selbst, ferner die beiden Nieren und das Fett daran bis zu den Lenden sowie den Lappen der Leber; oberhalb der Niere trennt er ihn ab.“ Es klang bewundernd.
Der Vorhang hob sich.
„Rose Lachar? Kommen Sie, bitte?“
Rose betrachtete entsetzt die noch jungfräuliche Cosmo. Keine Galgenfrist?
Die Dienerin erschien in der Tür. „Kommen Sie?“
‚Der Herr ist mein Hirte’, dachte Rose ‚mir wird nichts mangeln.’
Sie erhob sich und das Blut stürzte augenblicklich in ihre Füße. Ein taubes Gefühl umschloss ihre blutleeren Schläfe wie unnachgiebig weiche Hände. Leichtes Rauschen in den Ohren. ‚Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.’
Einige Extrasystolen brachten Rose in die Wirklichkeit zurück. Sie griff sich an den linken Arm und knetete ihn. ‚Kasey Rogers, ich komme! Gleich fahren wir gemeinsam Motocross im Himmel!’
Das angenehme Weiß der getünchten Wände wurde beißend grell, wie die Symplegaden drängten die Mauern der Vorhölle aufeinander zu, um Rose zu zermalmen. Die läppischen Geleesäulen, die einmal ihre sehnigen Beine gewesen waren, taumelten hinter der Dienerin her, durch eine unscheinbare Tür, ins Reich des Archonten.
Auch hier war alles makellos Weiß. Keine Runen an schwarzen Wänden, keine mit Blut geschmierten Drudenfüße, keinerlei Zeichen des unsäglichen, menschlichen Elends, das dieser Raum in sich aufgesogen haben musste. Und eben dieses so unscheinbare Zimmer, mit den großen, lichten Panoramafenstern, würde Rose nicht mehr lebend verlassen dürfen.
Sie wurde gebeten, freundlich aber bestimmt, sich auf den Altar zu betten, der die Mitte des Raumes beherrschte. Auch dies tat sie ohne Gegenwehr, umnebelt vom Duft des Nelkenöls. Die Dienerin öffnete ein Fenster; vom Millennium Park, in dessen sonnenbeschienenen Alleen fröhliche, freie Menschen spazierten, drang Vogelgezwitscher herauf. Autos hupten, Kinder schrien. Dort unten pulsierte das Leben von dem Rose bald endgültig abgeschnitten sein würde. Das offene Fenster war Teil der Marter. Die Dienerin legte ihr das rituelle Tuch um den Hals, das dem Auffangen des Blutes dienen sollte. Dann verließ sie das Zimmer und schloss die Tür.
Rose war allein. Übermäßige Mundatmung und gleichzeitige Reduzierung der Verdauungsfunktion hatten dazu geführt, dass ihre Zunge sich wie geschabtes Pergament anfühlte. Sie schwitzte so sehr, dass das Polster unter ihr bereits rutschig wurde. Sie hob kurz den Kopf und beäugte gierig den Becher mit Wasser, der neben dem Altar an einem heiligen Becken stand. Sie wusste, dass man diesen Kelch nur berühren durfte, wenn man es geschafft hatte, dem Tode zu entrinnen. Den Glücklichen war er vorbehalten, gleichsam als Belohnung. Rose würde diesen reinen Trunk nicht zum Munde führen dürfen.
Mit einem tiefen Seufzer ließ sie den Kopf zurück sinken und schloss die Augen. Bitte, Herr, lass es schnell vorbei sein.
Dann betrat der Fürst der Schmerzen seinen Nelkenöl-Tempel. Mit schnellem, sicherem Schritt trat er an den Altar und begrüßte sein Opfer. Rose wollte antworten, doch ihr Pergamentmund ließ nur ein tonloses Hauchen zu. Sie sah ihren Peiniger nicht an, er blieb eine Stimme. Angenehm tief und männlich. Beruhigend. Eine Dienerin brachte ihm die Instrumente. Rose schluckte staubtrocken. Ihre Zunge fuhr mehrmals über die schon verdorrten Lippen. Der Tod hatte sie bereits geküsst.
„Sie sind ....“ Der Archont, Satans siebter Diener, blätterte durch seine Kartei. In der Vorhölle herrscht Ordnung. Hier hat jeder seine Registerkarte. Darauf stehen kryptische Botschaften, Flüche, fürchterliche Verwünschungen und numerologische Zaubersprüche. „Sie sind ... die Wurzelbehandlung.“
So einfach wurde man entmenschlicht. Sie war nicht mehr Rose Lachar. Sie war ‚die Wurzelbehandlung’. Der erste Schritt zur Zerstörung ihrer Person war getan.
Eine Hand griff zur runden Lampe, die wie ein Tentakel über ihr schwebte, und schaltete sie ein. Schmerzhaft grell drang das Licht in ihren Schädel. Gleichzeitig ließ ein Mechanismus ihren Kopf so weit absinken, dass sie dachte, sie würde bald mit den Füßen nach hinten überschlagen. Ein Gesicht schob sich in ihr angstverzerrtes Blickfeld. Es waren zwei stechende Augen über einer weißen Larve, gekrönt von einer glänzenden Glatze. „Dann wollen wir mal.“
Und so begann es.
„Sie wissen ja, heute müssen wir etwas tiefer gehen.“
Rose schluckte statt zu nicken. Mit feinen Händen wurde die Injektionsspritze aus dem Instrumentenhalter gefingert und aufgezogen. Bedächtig wurden Ober- und Unterkiefer auseinander geschoben. Die Spritze wurde angesetzt, eingeführt. Rose lauschte dem gleichmäßigen Atem des Fürsten. Ein bitterer, metallischer Geschmack rann ihr den Hals hinunter.
‚Das Ultracain!’ dachte Rose in panischem Schrecken. Das musste das Ultracain sein! Oh, mein Gott, lass es bitte nicht wahr sein! Satans Diener hatte die Spritze absichtlich falsch gesetzt! Dieses merkuriale Destillat, das während der Opferung die Reizweiterleitung blockieren sollte, kullerte nun munter in ihren gereizten Magen.
Sie wollte klagen und mahnen, doch der Archont hielt unnachgiebig ihren Mund auf. Mit Spiegel und Sonde verschaffte er sich Klarheit über sein Werk. Er nickte zufrieden. Natürlich war er zufrieden. Der Herr der Schmerzen.
„Nun warten wir ein Weilchen.“
Das Gesicht entschwand aus Roses Blickfeld. Sie zitterte so heftig, dass die am Altar befestigte Behandlungslampe über ihr bebte. Eine Zeitlang blieb alles ruhig. Um Roses Kopf herum raschelten makellos weiße Roben. Ihr wurde die furchtbare Enge ihres Hosenbundes bewusst. Eigentlich war sie stolz auf ihren durchtrainierten, flachen Bauch, doch nun schien ihr fetter Wanst den Bund der teuren weißen Byblos-Jeans mit all seiner schwabbeligen Macht aufsprengen zu wollen. Sie bekam kaum noch Luft. Die schwarze Armani Bluse mit den ringförmigen, weißen Rüschen, ein außergewöhnlich auffallendes Stück, das ihre Schwester Sue ihr zum Dreißigsten geschenkt hatte – ihr Mann war damals mit einem Teeservice und einem langweiligen Blumenstrauß angekommen – dieses luftige, leichte, leicht frivole und durchsichtige Blüschen schien sich nun wie eine seidene Anakonda um sie gelegt zu haben und schnürte ihr den Oberkörper zu. Sie musste hier raus!
Als Rose sich in ihrem Schweiß herumwälzte um nach ihren Peinigern zu sehen, verließen diese gerade klammheimlich den Raum. Sie war allein! Ihre Häscher hatten einen Fehler begangen! Ließen sie aus den Augen. Stürzten sich wahrscheinlich bereits auf ihr nächstes Opfer. Sie, aber, konnte nun flüchten! Einfach aufstehen und raus. Wenn es sein musste, durchs Fenster. Runter klettern, in den Park. Hier gab es doch bestimmt eine Feuerleiter.
Rose hob vorsichtig den Kopf. Das Schwein hatte das Bohrerfach bereits geöffnet. Alles lag schon bereit für die Folterung. Alles glänzte kalt und metallisch. ‚Raus hier, Rose! Gib dein Leben nicht kampflos auf.’
Eine ihrer Mokassins berührte bereits den Boden, als sich die Tür wieder öffnete. Rose sank zurück. Als hätten sie ihren kläglichen Fluchtversuch bemerkt, raschelten sich die beiden Ungeheuer abermals eiligst um ihren Kopf zurecht.
„Alles in Ordnung?“ Das abscheuliche Gesicht dräute wieder über ihr.
Rose schluckte anstatt zu nicken.
„Öffnen Sie bitte weit den Mund.“
Rose folgte dem Befehl. Auch das dreiste, teilweise vermummte Antlitz der Dienerin schob sich mit widerlicher Gleichmut in ihr Blickfeld. Mit ihr kam das Absauginstrument.
„Noch etwas weiter, bitte.“ Der Archont wartete, während Rose sich abmühte. „Gut. Ich werde mir jetzt einen Zugang zur Pulpa verschaffen.“
Erst als der Kavitätenbohrer zu kreisen begann, kam Rose wieder in den Sinn, dass sich das Anästhesiemittel nicht in ihrem Kiefer, sondern im Magen befand und zurzeit bereits an ihren bebenden, sich gefährlich dehnenden Schließmuskel anklopfte. Als rotierender Stahl und pochender Zahn kollidierten, verzog sich das Maul des Archonten unter der Maske zu einem fischmäuligen Grinsen.
„Satan ist hier!“ So dröhnte es Rose durch Mark und Bein.
Rose gurgelte.
„Sei still, du Hure!“ fauchte die Dienerin.
„Stört sie den Meister?“ Die zischelnde Stimme kam unter dem Altar hervor. Eine eiskalte Hand fuhr ihr an die Fesseln.
Die Glupschaugen des Archonten, hinter der Lupenbrille, weiteten sich vor maßloser Freude. Sein Bohrer drang durch den Zahn in den Knochen, und seine spitze Zunge zerriss in einem Anfall von grotesker Lust den feinen Stoff der Maske vor seinem grinsenden Maul. Der Stahl fräste, schmirgelte und fraß sich durch zerreißenden Wundschmerz, öffnete in ihrem zitternden Mund eine ganz eigene, persönliche Hölle, eine bodenlose Höhle unendlicher Pein. Übergangslos wurde der Raum von pulsierendem, lebendem, fleischgeborenem purpurrotem Licht erfüllt. Rose griff nach dem siedend heißen Arm des Archonten, um seine Hand aus ihrer Hölle zu reißen, doch er schüttelte sie ab, mühelos, beugte sich weit und tief über sie, drückte den Bohrer mit beiden Armen kraftvoll in ihren Knochen und lachte dabei laut, grässlich und speichelspritzend. Der Stahl zerfetzte das Zahnfleisch, fräste sich in ihr Skelett, verarbeitete alles zu einer blutigen Pampe aus Mark und Fleisch.
Als Rose am Schmerz zu sterben begann, war das Werk getan. Das Surren verklang. Es wurde still, lediglich der Sauger schlürfte gurgelnd ihr Blut und ihren Speichel.
„Ich werde nun den Wurzelkanal reinigen.“
In dem rot pulsierenden Leuchten, das den Raum ausfüllte, erkannte Rose wie der Archont eine fette, weißlich rote, sich schmierig windende Made mit spitzen Zähnchen in ihren Mund einführte. Das teuflische Ungeziefer verbiss sich umgehend in ihr Zahnfleisch und begann, entzündetes und abgestorbenes Nervengewebe aus dem brüllenden Etwas zu saugen, das einmal ihr Zahn gewesen war. Das Wesen unter dem Altar kicherte schrill.
Dann sang der Fürst zärtlich in ihr Ohr: „Some say love, it is a razor, that leaves your soul to bleed ...“
Währenddessen schwoll der eitrige Wurm an ihrem Zahnfleisch so maßlos an, dass er schon bald die ganze Mundhöhle ausfüllte. Er pulsierte in ihr, wuchs immer weiter an, ließ sie würgen und an große Schwänze denken. Er drückte ihren Mund auf, fest und zuckend, unnachgiebig.
Dann, endlich, zog der Archont das bleiche Unding wieder aus ihrem gemarterten Zahnfleisch.
„Ich werde ihren Wurzelkanal etwas erweitern müssen.“ Der Archont wühlte in seinen Folterinstrumenten. „Das wird etwas dauern. Aber, wir machen das in einem Durchgang. So haben Sie es doch auch lieber.“
‚Töte mich doch endlich, du Schwein‘, dachte Rose. ‚Bitte, töte mich! Captain Dallas, du hattest keine Ahnung.’
„...and the soul afraid of dying, that never learns to live.“ Während der Archont so sang, stocherte er mit einer rostigen Nadel in ihrem Wurzelkanal. Es war zu diesem exakten Moment, an dem sich das Tor zur Hölle vollends öffnete. Es wurde weit aufgestoßen und gab den Blick frei auf die brennende Urstadt. Rose erblickte die beinernen Wälle der Festung des Herrn der Dunkelheit, Drakon mit den sieben gehörnten und gekrönten Häuptern. An Antonia, seinem Bergfried, hingen noch Fleischfetzen. Davor stand der Tempel der Schwestern des Zorns unter blutrotem, wetterleuchtendem Himmel. Die Pforten des Tempels öffneten sich und die drei Furien stürzten hervor, stürmten heulend die Felsenbrücke hoch, die Abaddon über den Blutsee Ge-Hinnom hinweg mit der Welt der Sterblichen verbindet, und sammelten sich hechelnd um den Altar, auf dem Rose ihnen zum Fraße gebettet war.
Ihre wohlgeformten Körper mit den schlapp flappenden Fledermausflügeln waren nackt, gelblicher Geifer troff aus ihren Hundemäulern und die Schlangenhaare zischelten in wirrer Ekstase um ihre schaurig heulenden Häupter. Jede der drei Rachegöttinnen trug eine hell brennende Fackel und eine dornenbesetzte Geißel.
„Begrüße die Töchter des Entmannten“, dröhnte der Archont. „Sie werden dir in deinen Qualen beistehen.“
Wie tausend Ratten strömten nun auch niedere Dämonen in die zu klein werdende Opferstatt. Die Decke über Rose öffnete sich und gab den Blick frei auf einen blutenden Himmel an dem dunkle Wolken wie aufgerissene Drachenmäuler hingen.
Immer wieder und immer wieder stieß der Archont zu, bohrte die Nadel in den zuckenden Nerv, der sich nicht weiter zurückziehen konnte.
Die Furien ließen ihre Peitschen auf Rose niederfahren, zerrissen ihr Kleidung, Haut und Fleisch. Mit den Fackeln verschlossen sie die Wunden wieder, ihr Speichel heilte. Dann begannen sie von Neuem. Die Dämonen leckten derweil Blut und Eiter von dem warmen Körper der Frau, stritten sich untereinander, kreischend und quiekend, um jeden Tropfen.
„Desinfektion.“ Die Worte kamen aus dem Himmel, dröhnend, und waren an die Dienerin gerichtet.
Die Furien fletschten die Zähne und bissen wütend nach dem Archonten. Das musste ein gutes Zeichen sein. Das Wesen, das sich Rose genannt hatte, schöpfte Mut und stieß zurück zur Oberfläche. Über den Himmel ritt ein weißes Pferd, ein Streitross, und der Reiter hatte vier Arme und in jeder Hand hielt er ein blutverschmiertes Schwert. Der Schimmel wieherte laut, als er über den Himmel stürmte und das Trommeln seiner Hufe ließ den Altar erzittern.
„Mahayuga“, kreischten die Dämonen und duckten sich.
Die Furien zogen sich gekrümmt zurück, mit den Fackeln nach dem Altar stoßend.
„Ich werde die Füllung jetzt einführen.“
Der Archont packte Rose bei der Gurgel. „Du verdammte Hure! Diesmal wirst du leben. Aber wir werden uns wiedersehen. Wenn die Schwingen der drei Dämonengeister die Sonne verdunkeln.“
Der Reiter stieß nieder und ließ seine vier Schwerter schwingen. Kopflos taumelten der Archont und die Furien zurück und der Himmelsbote trieb sie in die Hölle. Das ganze Gezücht. Wie ein reinigender Blitz fuhr er unter sie, zerstreute sie, ließ sie aufkreischen und fluchen. Aber sie mussten weichen, denn er war von gewaltiger Macht. Und als auch der letzte Dämon geflüchtet war, da schloss der Reiter das Tor zur Hölle, mit majestätischer Kraft, und trat vor den Altar. Er war wunderschön, von tadelloser Gestalt, das Antlitz eines Engels, das kahle Haupt von einer heiligen Aura gekrönt.
„Sie können jetzt spülen“, sagte er mit sanftem Lächeln. Im Hintergrund verklangen die letzten Töne von Roses Lieblingslied.
Rose hätte ihren Retter liebend gern geküsst, doch sie wusste, dass sie ein solch reines Wesen niemals berühren durfte. Sie erhob sich, schweißgebadet, blickte in den sonnigen Morgen über dem Millennium Park und führte mit zitternder Hand den heiligen Trunk an die bebenden Lippen. Ein neues Leben begann.
Als Rose an jenem Morgen in die sonnenwarme Michigan Avenue trat, als die Welt sie umarmte, liebevoll, wie einst ihr Vater, da war sie sich bewusst, dass sich nun alles ändern musste. Sie würde diese Chance nutzen, ein neues, ein besseres Leben zu führen. Sie wollte den Menschen ein Vorbild sein, Prophetin einer besseren Zeit, dankbar, unendlich dankbar.
Als Rose an jenem Morgen in die sonnenwarme Michigan Avenue trat, glitschte ihr rechter Fuß durch einen ansehnlichen Haufen Hundescheiße.
„Dieses gottverdammte Drecksvieh!“ knurrte Rose. „Wenn ich diese Scheißtöle erwische!“
„Das bringt Glück, junge Frau“, meinte ein älterer Herr und lächelte freundlich. Er zog den Hut.
„Fick dich!“ Rose stürmte, kochend vor Wut, zum Millennium Park, um sich dort im Gras die Scheiße von den teuren Mokassins zu wischen.
Was die tapfere Rose jedoch gar nicht mochte, das waren Großstädte. Deshalb verließ sie auch stets jeglicher Mut, sobald sie die Grenze ihres geliebten La Grange hinter sich ließ und der Moloch Chicago sie mit ihrem Sonnenbankteint, den durch Softball trainierten Muskeln, ihren starken, dreißigjährigen Knochen, den vegetarisch versorgten Innereien und den hoch toupierten, blendend blonden Haaren verschlang.
Heute aber, das wusste Rose, würde sie hier in Chicago die Vorhölle betreten und es gab absolut nichts, was sie zu ihrer Rettung hätte tun können. Kein starker Polizist, kein adretter Feuerwehrmann, nicht einmal ihr schmieriger Gouverneur hätte ihr nun noch helfen können. Und, nein, ihr Mann Steve schon mal gar nicht. Nicht nur, weil der sich zurzeit wahrscheinlich wieder zwischen den wulstigen Beinen seiner Domina duckte und ihr die Stiefel leckte, fein in schwarzen Lack verpackt, sondern weil er auch außerhalb von Lady Julias Dungeon der erbärmlichste Feigling war, der je über Gottes Erdboden gekrochen ist.
So, also, kämpfte sich Rose einsam und gottverlassen die kalten, marmornen Stufen hoch, zu einem jener verfluchten Orte, an denen die Grenzen zwischen den Dimensionen sich verwischen: 30 Michigan Avenue, Chicago. Und Rose war sich dabei durchaus bewusst, dass sie heute sterben würde. Oh, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Jede arme, schrill quiekende Sau, die erbarmungslos in den Schlachthof geprügelt wird, besaß eine höhere Überlebenschance als die stumme, wehrlose Rose Lachar an jenem sonnigen Morgen im Juli, im engen, kühlen Treppenhaus der Michigan Avenue, dieser Kathedrale des Schmerzes, in der ihre unsicheren, zögernden Schritte kalt und verloren widerhallten. Freiwillig zum Schafott. Rose kämpfte die Tränen nieder. Hatte es wirklich soweit kommen müssen?
Als sie das dritte Stockwerk erreicht hatte und vor der Tür stand, da spürte sie bereits den kalten Odem des nahen Bösen. Mit zitterndem Finger drückte sie die Klingel. Stille. Nur ihr zu flacher Atem. Dann, plötzlich, summte die Tür wie eine wütende Hornisse, schien sie vertreiben zu wollen. Ein letztes Mal Luft holen. Rose richtete sich auf. Sie musste darauf achten, nicht bereits jetzt zu hyperventilieren, denn die Angst zementierte ihr schon die Bauchmuskeln und schnürte ihr die Kehle zu; selbst die Blase schien sich entleeren zu wollen. Alles in ihr rief: Flucht! Stattdessen, gegen besseres Wissen und ihren freien Willen, drückte Rose die eiskalte Klinke und trat ein.
Der Vorhof zur Hölle riecht nicht nach Pech und Schwefel, sondern nach Nelkenöl. Niemand vergisst jemals wieder diesen Geruch. Manchmal sticht er das Gehirn, an verschiedenen Orten unserer Städte, und dann wissen wir, dass jemand in der Nähe ist, ein Glücklicher, aber ein ewig Gezeichneter, ein der Hölle Entronnener. Als Rose der verfluchte Geruch in die bebenden Nüstern stieg, dachte sie bei sich, dies könne nur ein Traum sein. Sie konnte doch nicht wirklich hier sein? An diesem Ort unmenschlichster Schrecken. Freiwillig?
Rose flüsterte ihren eigenen Namen. Die weiße Frau nickte.
Der Vorhof zur Hölle ist sauber und licht, alles ist weiß, selbst die Roben der Dienerinnen. Eine Tür weiter wird an Menschen gesägt, gehämmert und gemeißelt; Maschinen saugen Blut und bohren Knochen. Hier aber ist es ruhig, den Hintergrund drapiert leise Musik.
Der Vorhof zur Hölle hat einen Wartesaal. Licht und geschmackvoll eingerichtet, in dem die Todgeweihten auf ungemütlichen, metallenen Stühlen mit blauem Sitzpolster hocken, scheinbar ruhig in öden Magazinen blätternd, während ihnen in Wirklichkeit, unter der eiskalten Haut das Noradrenalin Blutdruck und Herzschlag in ungeahnte Höhen treibt.
Zu dieser Tageszeit war der Raum noch leer. Rose war die erste, die auf der Liste des Archonten stand. Aber die Geister waren immer hier. Die Geister all derer, die schon geopfert worden waren. Sie saßen hier, hingen auf den Stühlen, kauerten darunter, lagen Rose zu Füßen oder krallten sich auf ewig, wahnsinnig vor Angst, in die weißen Mauern.
Als Rose bedächtig vor das Tischchen in der Mitte des unheilvollen Vorzimmers trat, raste ihr das Blut bereits mit fünffacher Geschwindigkeit durch den kribbelnden Körper und würde ihr Herz vielleicht, so hoffte sie insgeheim, zum erlösenden Infarkt treiben. Aber Rose wollte sich keine Blöße geben, angelte sich deshalb wie beiläufig die neue Cosmo, setzte sich hin, strich sich durchs Haar und lauschte, scheinbar interessiert, den 9 Uhr Nachrichten:
Wer dem Präsidenten zum 60. Geburtstag gratuliert hatte. Interessant. Und Kasey Rogers starb gestern an einem Herzinfarkt. Die Glückliche! Felipe Calderon war zum Präsidenten gewählt worden. Das hat sich „W“ bestimmt zum Geburtstag gewünscht. In London wurde heute früh eine Frau in einem Bahnhof erschossen. Kein Motiv, kein Täter.
Rose konnte das egal sein. Sie würde dieses tiefe Tal der Tränen schon bald durchschritten haben. Ein letztes Mal Cosmo lesen. Sie schlug, scheinbar gelassen, die Beine übereinander. 62 neue Stellungen beim Sex. 7 heiße Schlafzimmerspiele. Das macht 69. Und das alles in einer Ausgabe. Außerdem exklusive Geständnisse von Brittany Murphy! Roses Hände begannen zu zittern; der ganze Körper bebte. Aber nicht aus Vorfreude auf die heißen Enthüllungen. Ihr Körper wollte rennen, toben, um sich schlagen, aber sie gönnte ihm die Freiheit nicht. Wieder stiegen Tränen in ihr hoch. Ihr Geist, in erhöhter Wachsamkeit angesichts der drohenden Gefahr, rumpelte wie gestört in ihrem Kopf hin und her, rammte ihr wie ein wütender Catcher gegen die Schädeldecke. „Renn, du Schlampe!“ brüllte Hulk Hogan. „Lauf um dein Leben!“
Und dann hörte sie die Worte, wie ein Gebet. Sie wurden geflüstert, doch Rose vernahm sie sehr deutlich, über das monotone Geseier der Nachrichtensprecherin. Und die Worte kamen diesmal nicht aus ihrem klammen, bebenden Geist, sondern aus dem Vorzimmer, wo die weißen Frauen schwebten: „ ... das Fett, das die Eingeweide bedeckt, das gesamte Fett an den Eingeweiden selbst, ferner die beiden Nieren und das Fett daran bis zu den Lenden sowie den Lappen der Leber; oberhalb der Niere trennt er ihn ab.“ Es klang bewundernd.
Der Vorhang hob sich.
„Rose Lachar? Kommen Sie, bitte?“
Rose betrachtete entsetzt die noch jungfräuliche Cosmo. Keine Galgenfrist?
Die Dienerin erschien in der Tür. „Kommen Sie?“
‚Der Herr ist mein Hirte’, dachte Rose ‚mir wird nichts mangeln.’
Sie erhob sich und das Blut stürzte augenblicklich in ihre Füße. Ein taubes Gefühl umschloss ihre blutleeren Schläfe wie unnachgiebig weiche Hände. Leichtes Rauschen in den Ohren. ‚Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.’
Einige Extrasystolen brachten Rose in die Wirklichkeit zurück. Sie griff sich an den linken Arm und knetete ihn. ‚Kasey Rogers, ich komme! Gleich fahren wir gemeinsam Motocross im Himmel!’
Das angenehme Weiß der getünchten Wände wurde beißend grell, wie die Symplegaden drängten die Mauern der Vorhölle aufeinander zu, um Rose zu zermalmen. Die läppischen Geleesäulen, die einmal ihre sehnigen Beine gewesen waren, taumelten hinter der Dienerin her, durch eine unscheinbare Tür, ins Reich des Archonten.
Auch hier war alles makellos Weiß. Keine Runen an schwarzen Wänden, keine mit Blut geschmierten Drudenfüße, keinerlei Zeichen des unsäglichen, menschlichen Elends, das dieser Raum in sich aufgesogen haben musste. Und eben dieses so unscheinbare Zimmer, mit den großen, lichten Panoramafenstern, würde Rose nicht mehr lebend verlassen dürfen.
Sie wurde gebeten, freundlich aber bestimmt, sich auf den Altar zu betten, der die Mitte des Raumes beherrschte. Auch dies tat sie ohne Gegenwehr, umnebelt vom Duft des Nelkenöls. Die Dienerin öffnete ein Fenster; vom Millennium Park, in dessen sonnenbeschienenen Alleen fröhliche, freie Menschen spazierten, drang Vogelgezwitscher herauf. Autos hupten, Kinder schrien. Dort unten pulsierte das Leben von dem Rose bald endgültig abgeschnitten sein würde. Das offene Fenster war Teil der Marter. Die Dienerin legte ihr das rituelle Tuch um den Hals, das dem Auffangen des Blutes dienen sollte. Dann verließ sie das Zimmer und schloss die Tür.
Rose war allein. Übermäßige Mundatmung und gleichzeitige Reduzierung der Verdauungsfunktion hatten dazu geführt, dass ihre Zunge sich wie geschabtes Pergament anfühlte. Sie schwitzte so sehr, dass das Polster unter ihr bereits rutschig wurde. Sie hob kurz den Kopf und beäugte gierig den Becher mit Wasser, der neben dem Altar an einem heiligen Becken stand. Sie wusste, dass man diesen Kelch nur berühren durfte, wenn man es geschafft hatte, dem Tode zu entrinnen. Den Glücklichen war er vorbehalten, gleichsam als Belohnung. Rose würde diesen reinen Trunk nicht zum Munde führen dürfen.
Mit einem tiefen Seufzer ließ sie den Kopf zurück sinken und schloss die Augen. Bitte, Herr, lass es schnell vorbei sein.
Dann betrat der Fürst der Schmerzen seinen Nelkenöl-Tempel. Mit schnellem, sicherem Schritt trat er an den Altar und begrüßte sein Opfer. Rose wollte antworten, doch ihr Pergamentmund ließ nur ein tonloses Hauchen zu. Sie sah ihren Peiniger nicht an, er blieb eine Stimme. Angenehm tief und männlich. Beruhigend. Eine Dienerin brachte ihm die Instrumente. Rose schluckte staubtrocken. Ihre Zunge fuhr mehrmals über die schon verdorrten Lippen. Der Tod hatte sie bereits geküsst.
„Sie sind ....“ Der Archont, Satans siebter Diener, blätterte durch seine Kartei. In der Vorhölle herrscht Ordnung. Hier hat jeder seine Registerkarte. Darauf stehen kryptische Botschaften, Flüche, fürchterliche Verwünschungen und numerologische Zaubersprüche. „Sie sind ... die Wurzelbehandlung.“
So einfach wurde man entmenschlicht. Sie war nicht mehr Rose Lachar. Sie war ‚die Wurzelbehandlung’. Der erste Schritt zur Zerstörung ihrer Person war getan.
Eine Hand griff zur runden Lampe, die wie ein Tentakel über ihr schwebte, und schaltete sie ein. Schmerzhaft grell drang das Licht in ihren Schädel. Gleichzeitig ließ ein Mechanismus ihren Kopf so weit absinken, dass sie dachte, sie würde bald mit den Füßen nach hinten überschlagen. Ein Gesicht schob sich in ihr angstverzerrtes Blickfeld. Es waren zwei stechende Augen über einer weißen Larve, gekrönt von einer glänzenden Glatze. „Dann wollen wir mal.“
Und so begann es.
„Sie wissen ja, heute müssen wir etwas tiefer gehen.“
Rose schluckte statt zu nicken. Mit feinen Händen wurde die Injektionsspritze aus dem Instrumentenhalter gefingert und aufgezogen. Bedächtig wurden Ober- und Unterkiefer auseinander geschoben. Die Spritze wurde angesetzt, eingeführt. Rose lauschte dem gleichmäßigen Atem des Fürsten. Ein bitterer, metallischer Geschmack rann ihr den Hals hinunter.
‚Das Ultracain!’ dachte Rose in panischem Schrecken. Das musste das Ultracain sein! Oh, mein Gott, lass es bitte nicht wahr sein! Satans Diener hatte die Spritze absichtlich falsch gesetzt! Dieses merkuriale Destillat, das während der Opferung die Reizweiterleitung blockieren sollte, kullerte nun munter in ihren gereizten Magen.
Sie wollte klagen und mahnen, doch der Archont hielt unnachgiebig ihren Mund auf. Mit Spiegel und Sonde verschaffte er sich Klarheit über sein Werk. Er nickte zufrieden. Natürlich war er zufrieden. Der Herr der Schmerzen.
„Nun warten wir ein Weilchen.“
Das Gesicht entschwand aus Roses Blickfeld. Sie zitterte so heftig, dass die am Altar befestigte Behandlungslampe über ihr bebte. Eine Zeitlang blieb alles ruhig. Um Roses Kopf herum raschelten makellos weiße Roben. Ihr wurde die furchtbare Enge ihres Hosenbundes bewusst. Eigentlich war sie stolz auf ihren durchtrainierten, flachen Bauch, doch nun schien ihr fetter Wanst den Bund der teuren weißen Byblos-Jeans mit all seiner schwabbeligen Macht aufsprengen zu wollen. Sie bekam kaum noch Luft. Die schwarze Armani Bluse mit den ringförmigen, weißen Rüschen, ein außergewöhnlich auffallendes Stück, das ihre Schwester Sue ihr zum Dreißigsten geschenkt hatte – ihr Mann war damals mit einem Teeservice und einem langweiligen Blumenstrauß angekommen – dieses luftige, leichte, leicht frivole und durchsichtige Blüschen schien sich nun wie eine seidene Anakonda um sie gelegt zu haben und schnürte ihr den Oberkörper zu. Sie musste hier raus!
Als Rose sich in ihrem Schweiß herumwälzte um nach ihren Peinigern zu sehen, verließen diese gerade klammheimlich den Raum. Sie war allein! Ihre Häscher hatten einen Fehler begangen! Ließen sie aus den Augen. Stürzten sich wahrscheinlich bereits auf ihr nächstes Opfer. Sie, aber, konnte nun flüchten! Einfach aufstehen und raus. Wenn es sein musste, durchs Fenster. Runter klettern, in den Park. Hier gab es doch bestimmt eine Feuerleiter.
Rose hob vorsichtig den Kopf. Das Schwein hatte das Bohrerfach bereits geöffnet. Alles lag schon bereit für die Folterung. Alles glänzte kalt und metallisch. ‚Raus hier, Rose! Gib dein Leben nicht kampflos auf.’
Eine ihrer Mokassins berührte bereits den Boden, als sich die Tür wieder öffnete. Rose sank zurück. Als hätten sie ihren kläglichen Fluchtversuch bemerkt, raschelten sich die beiden Ungeheuer abermals eiligst um ihren Kopf zurecht.
„Alles in Ordnung?“ Das abscheuliche Gesicht dräute wieder über ihr.
Rose schluckte anstatt zu nicken.
„Öffnen Sie bitte weit den Mund.“
Rose folgte dem Befehl. Auch das dreiste, teilweise vermummte Antlitz der Dienerin schob sich mit widerlicher Gleichmut in ihr Blickfeld. Mit ihr kam das Absauginstrument.
„Noch etwas weiter, bitte.“ Der Archont wartete, während Rose sich abmühte. „Gut. Ich werde mir jetzt einen Zugang zur Pulpa verschaffen.“
Erst als der Kavitätenbohrer zu kreisen begann, kam Rose wieder in den Sinn, dass sich das Anästhesiemittel nicht in ihrem Kiefer, sondern im Magen befand und zurzeit bereits an ihren bebenden, sich gefährlich dehnenden Schließmuskel anklopfte. Als rotierender Stahl und pochender Zahn kollidierten, verzog sich das Maul des Archonten unter der Maske zu einem fischmäuligen Grinsen.
„Satan ist hier!“ So dröhnte es Rose durch Mark und Bein.
Rose gurgelte.
„Sei still, du Hure!“ fauchte die Dienerin.
„Stört sie den Meister?“ Die zischelnde Stimme kam unter dem Altar hervor. Eine eiskalte Hand fuhr ihr an die Fesseln.
Die Glupschaugen des Archonten, hinter der Lupenbrille, weiteten sich vor maßloser Freude. Sein Bohrer drang durch den Zahn in den Knochen, und seine spitze Zunge zerriss in einem Anfall von grotesker Lust den feinen Stoff der Maske vor seinem grinsenden Maul. Der Stahl fräste, schmirgelte und fraß sich durch zerreißenden Wundschmerz, öffnete in ihrem zitternden Mund eine ganz eigene, persönliche Hölle, eine bodenlose Höhle unendlicher Pein. Übergangslos wurde der Raum von pulsierendem, lebendem, fleischgeborenem purpurrotem Licht erfüllt. Rose griff nach dem siedend heißen Arm des Archonten, um seine Hand aus ihrer Hölle zu reißen, doch er schüttelte sie ab, mühelos, beugte sich weit und tief über sie, drückte den Bohrer mit beiden Armen kraftvoll in ihren Knochen und lachte dabei laut, grässlich und speichelspritzend. Der Stahl zerfetzte das Zahnfleisch, fräste sich in ihr Skelett, verarbeitete alles zu einer blutigen Pampe aus Mark und Fleisch.
Als Rose am Schmerz zu sterben begann, war das Werk getan. Das Surren verklang. Es wurde still, lediglich der Sauger schlürfte gurgelnd ihr Blut und ihren Speichel.
„Ich werde nun den Wurzelkanal reinigen.“
In dem rot pulsierenden Leuchten, das den Raum ausfüllte, erkannte Rose wie der Archont eine fette, weißlich rote, sich schmierig windende Made mit spitzen Zähnchen in ihren Mund einführte. Das teuflische Ungeziefer verbiss sich umgehend in ihr Zahnfleisch und begann, entzündetes und abgestorbenes Nervengewebe aus dem brüllenden Etwas zu saugen, das einmal ihr Zahn gewesen war. Das Wesen unter dem Altar kicherte schrill.
Dann sang der Fürst zärtlich in ihr Ohr: „Some say love, it is a razor, that leaves your soul to bleed ...“
Währenddessen schwoll der eitrige Wurm an ihrem Zahnfleisch so maßlos an, dass er schon bald die ganze Mundhöhle ausfüllte. Er pulsierte in ihr, wuchs immer weiter an, ließ sie würgen und an große Schwänze denken. Er drückte ihren Mund auf, fest und zuckend, unnachgiebig.
Dann, endlich, zog der Archont das bleiche Unding wieder aus ihrem gemarterten Zahnfleisch.
„Ich werde ihren Wurzelkanal etwas erweitern müssen.“ Der Archont wühlte in seinen Folterinstrumenten. „Das wird etwas dauern. Aber, wir machen das in einem Durchgang. So haben Sie es doch auch lieber.“
‚Töte mich doch endlich, du Schwein‘, dachte Rose. ‚Bitte, töte mich! Captain Dallas, du hattest keine Ahnung.’
„...and the soul afraid of dying, that never learns to live.“ Während der Archont so sang, stocherte er mit einer rostigen Nadel in ihrem Wurzelkanal. Es war zu diesem exakten Moment, an dem sich das Tor zur Hölle vollends öffnete. Es wurde weit aufgestoßen und gab den Blick frei auf die brennende Urstadt. Rose erblickte die beinernen Wälle der Festung des Herrn der Dunkelheit, Drakon mit den sieben gehörnten und gekrönten Häuptern. An Antonia, seinem Bergfried, hingen noch Fleischfetzen. Davor stand der Tempel der Schwestern des Zorns unter blutrotem, wetterleuchtendem Himmel. Die Pforten des Tempels öffneten sich und die drei Furien stürzten hervor, stürmten heulend die Felsenbrücke hoch, die Abaddon über den Blutsee Ge-Hinnom hinweg mit der Welt der Sterblichen verbindet, und sammelten sich hechelnd um den Altar, auf dem Rose ihnen zum Fraße gebettet war.
Ihre wohlgeformten Körper mit den schlapp flappenden Fledermausflügeln waren nackt, gelblicher Geifer troff aus ihren Hundemäulern und die Schlangenhaare zischelten in wirrer Ekstase um ihre schaurig heulenden Häupter. Jede der drei Rachegöttinnen trug eine hell brennende Fackel und eine dornenbesetzte Geißel.
„Begrüße die Töchter des Entmannten“, dröhnte der Archont. „Sie werden dir in deinen Qualen beistehen.“
Wie tausend Ratten strömten nun auch niedere Dämonen in die zu klein werdende Opferstatt. Die Decke über Rose öffnete sich und gab den Blick frei auf einen blutenden Himmel an dem dunkle Wolken wie aufgerissene Drachenmäuler hingen.
Immer wieder und immer wieder stieß der Archont zu, bohrte die Nadel in den zuckenden Nerv, der sich nicht weiter zurückziehen konnte.
Die Furien ließen ihre Peitschen auf Rose niederfahren, zerrissen ihr Kleidung, Haut und Fleisch. Mit den Fackeln verschlossen sie die Wunden wieder, ihr Speichel heilte. Dann begannen sie von Neuem. Die Dämonen leckten derweil Blut und Eiter von dem warmen Körper der Frau, stritten sich untereinander, kreischend und quiekend, um jeden Tropfen.
„Desinfektion.“ Die Worte kamen aus dem Himmel, dröhnend, und waren an die Dienerin gerichtet.
Die Furien fletschten die Zähne und bissen wütend nach dem Archonten. Das musste ein gutes Zeichen sein. Das Wesen, das sich Rose genannt hatte, schöpfte Mut und stieß zurück zur Oberfläche. Über den Himmel ritt ein weißes Pferd, ein Streitross, und der Reiter hatte vier Arme und in jeder Hand hielt er ein blutverschmiertes Schwert. Der Schimmel wieherte laut, als er über den Himmel stürmte und das Trommeln seiner Hufe ließ den Altar erzittern.
„Mahayuga“, kreischten die Dämonen und duckten sich.
Die Furien zogen sich gekrümmt zurück, mit den Fackeln nach dem Altar stoßend.
„Ich werde die Füllung jetzt einführen.“
Der Archont packte Rose bei der Gurgel. „Du verdammte Hure! Diesmal wirst du leben. Aber wir werden uns wiedersehen. Wenn die Schwingen der drei Dämonengeister die Sonne verdunkeln.“
Der Reiter stieß nieder und ließ seine vier Schwerter schwingen. Kopflos taumelten der Archont und die Furien zurück und der Himmelsbote trieb sie in die Hölle. Das ganze Gezücht. Wie ein reinigender Blitz fuhr er unter sie, zerstreute sie, ließ sie aufkreischen und fluchen. Aber sie mussten weichen, denn er war von gewaltiger Macht. Und als auch der letzte Dämon geflüchtet war, da schloss der Reiter das Tor zur Hölle, mit majestätischer Kraft, und trat vor den Altar. Er war wunderschön, von tadelloser Gestalt, das Antlitz eines Engels, das kahle Haupt von einer heiligen Aura gekrönt.
„Sie können jetzt spülen“, sagte er mit sanftem Lächeln. Im Hintergrund verklangen die letzten Töne von Roses Lieblingslied.
Rose hätte ihren Retter liebend gern geküsst, doch sie wusste, dass sie ein solch reines Wesen niemals berühren durfte. Sie erhob sich, schweißgebadet, blickte in den sonnigen Morgen über dem Millennium Park und führte mit zitternder Hand den heiligen Trunk an die bebenden Lippen. Ein neues Leben begann.
Als Rose an jenem Morgen in die sonnenwarme Michigan Avenue trat, als die Welt sie umarmte, liebevoll, wie einst ihr Vater, da war sie sich bewusst, dass sich nun alles ändern musste. Sie würde diese Chance nutzen, ein neues, ein besseres Leben zu führen. Sie wollte den Menschen ein Vorbild sein, Prophetin einer besseren Zeit, dankbar, unendlich dankbar.
Als Rose an jenem Morgen in die sonnenwarme Michigan Avenue trat, glitschte ihr rechter Fuß durch einen ansehnlichen Haufen Hundescheiße.
„Dieses gottverdammte Drecksvieh!“ knurrte Rose. „Wenn ich diese Scheißtöle erwische!“
„Das bringt Glück, junge Frau“, meinte ein älterer Herr und lächelte freundlich. Er zog den Hut.
„Fick dich!“ Rose stürmte, kochend vor Wut, zum Millennium Park, um sich dort im Gras die Scheiße von den teuren Mokassins zu wischen.
VII
(5. September 2020, 20.12 Uhr, Beijing)
„Nebenwirkungen? Wovon reden sie?“
„Wir spielen mit dem Raum-Zeit-Gefüge, General. Das wird mehrdimensionale Wellen schlagen. Die Folgen?“ Der Professor zuckte die Achseln. „Vielleicht wird Einstein im Grab rotieren. Das wäre weniger tragisch. Für uns. Vielleicht verschluckt uns aber auch ein schwarzes Loch. Das wäre weniger gut. Für uns. Keine Ahnung.“
Der Regierungsbeamte wollte etwas entgegnen, als sich die Tür des Labors öffnete. „Hier ist unser Baby.“ Ning Wang, der kleine, schmale Forschungsleiter, betrat den Warteraum, ein weißes Tuch in beiden Händen haltend. „Es ist ein Junge. Ein gesunder, strammer Bursche.“
Vorsichtig legte er das Tuch auf den Tisch vor seinen Vorgesetzten, Professor Hu, und General Wilkins, den Vertreter der Vereinten Nationen. Die beiden erhoben sich mit angehaltenem Atem. Gebettet auf dem mehrfach gefalteten Seidentuch lag eine silberne Kugel, Kaliber 7.62 x 51 mm.
„Herrlich“, murmelte der General.
„Unfassbar!“ flüsterte Professor Hu, so als wolle er die Kugel nicht aus ihrem Schlaf wecken.
3 - Der schnellste Junge der Welt
(7. Juli 2007, 08.50 Uhr, Mabubas)
Es war einmal, in Afrika, ein Junge, der dachte von sich selbst, er sei der schnellste Junge der Welt. Sikulumi war sein Name, und Sikulumi saß nun in einer Pfütze, ganz alleine, auf einem einsamen Felde. Denn wieder einmal hatte er den Worten seiner Mutter nicht gelauscht und so war es ihm schlecht ergangen.
„Großvater Mashambwa“, fragte deshalb überrascht Sikulumi, „bin ich jetzt tot?“ Er stellte die Frage einer Gottesanbeterin, die sich vorsichtig genähert hatte, wusste er doch sehr wohl, dass in ihr der Geist seines Großvaters lebte. Als aber der Großvater schwieg, da fragte der Junge weiter: „Wirst du mich nach Mosima führen?“ Mosima, so wusste Sikulumi, das war das Reich der Toten, unter der Erde, wo Großvater Mashambwa jetzt weilte. Doch der Großvater blieb stumm.
„Sicher bist auch du wütend, weil ich den Pfad verlassen habe“, meinte Sikulumi traurig. „Wieso bloß, habe ich nicht den Worten der Mutter gehorcht?“
„Sohn, du weißt, was neben dem Pfade, auf den Feldern auf dich lauert?“ hatte die Mutter ihn gefragt.
„Ja, Mutter, ich weiß es wohl. Es sind die Geister der Toten.“
„Aber böse Geister sind es, Sikulumi! Nicht die guten, wie dein Großvater Mashambwa. Nein, Sikulumi. In Stücke werden sie dich reißen, so sie dich zu packen kriegen. Und wenn dies getan ist, kommen die Amazimu und verschlingen, was die Geister von dir übrig ließen.“
„Ich werde auf dem Pfade bleiben, Mutter. Das will ich dir gerne versprechen!“
Die Mutter aber hatte ihn misstrauisch von Kopf bis Fuß gemustert: „Ich muss nun mit den Frauen die gefräßigen Vögel von den Feldern vertreiben. Doch wünschte ich, ich könnte mit dir gehen, mein Sohn.“
„Du weißt, Mutter, es ist nicht weit bis zu Gosos Dorf. Ich werde den Pfad der Toten nicht verlassen. Ich tue genau so, wie ich es versprochen habe.“
Dann war Sikulumi von dannen gezogen und die Mutter hatte ihm noch lange nachgeblickt.
„Was sie wohl sagen wird?“ fragte Sikulumi seinen Großvater. Dieser hatte bereits seine wahre Gestalt angenommen, doch blieb er immer noch durchscheinend. Traurig und stumm blickte er auf den Jungen hinab, der hilflos vor ihm auf der Erde saß.
„Wirst du mich vor den Amazimu schützen?“ Die Amazimu waren böse Menschenfresser, die nur ein Bein hatten. Sollten sie ihn erwischen, so würden sie ihn auffressen. Sodann würde er selbst zu einem von ihnen werden. Bis in alle Ewigkeiten würde auch er auf einem Bein über die Felder hüpfen müssen. Er, Sikulumi, der schnellste Junge der Welt.
Der Großvater schüttelte stumm den Kopf.
Angestrengt starrte Sikulumi über das weite, in der Hitze flirrende, kahle Feld, auf dem nur wenige, absonderlich verkrüppelte Affenbrotbäume standen. Er hoffte, er könne bald die guten Engel sehen, wie sie an Spinnfäden aus dem Himmel kämen, um ihn vor den Amazimu zu retten. Doch das weite Feld blieb leer, bis zum wabernden Horizont, und Sikulumi blieb einsam. Alles war stumm, nur das Flattern der Fähnchen an den rot-weiß gestreiften Stöckchen um ihn herum drang durch das fürchterliche Rauschen und Pfeifen in seinen Ohren. Er wünschte sich so sehr, zumindest das Schnaufen des alten Esels von Herrn Molomi zu hören. Als Sikulumi sein Dorf verlassen wollte, hatte Herr Molomi ihn herbeigerufen.
„Junge!“ hatte er gerufen. „Wohin des Weges, so ganz alleine?“
„Zu meinem Freunde Goso will ich gehen, Herr Molomi.“ Herr Molomi war der Inyanga, der Arzt des Dorfes. „Denn er hat heute Geburtstag.“
„Weiß die Mutter das?“
Sikulumi hatte genickt.
„Nun, dann ist wohl alles so, wie es sein soll.“ Der Inyanga blickte eine Zeitlang gedankenverloren den Pfad entlang. Sikulumi wollte schon weiter seines Weges gehen, als Herr Molomi ihn am Arm packte. „Ich muss heute noch zu der kranken Mweru
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