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Über das eBook

Guy Girardi

Kopfschuss

Tödlich getroffen taumelt die Welt zähnefletschend ihrem Ende entgegen. Gelockt vom Ruf der Todesfee. 10 bösartige Geschichten aus der Schusslinie.

  • FSK ab 0 Jahren
  • Sprache: de
  • Veröffentlicht:
  • ISBN:
  • Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.

KOPFSCHUSS


(c) 2012 by Guy Girardi. Alle Rechte vorbehalten.


1 - Headshot


(7. Juli 2005. 22.30 Uhr, London.)
„Diese verfluchten Kamelficker!“ Den Blick aus seinen runden Schweinsaugen wütend auf den Bildschirm gerichtet, pickte sich Pete die letzten Krümel der Salzchips von dem speckigen, beigen Lonsdale T-Shirt, das sich über seinen Trommelwanst spannte, wie ein im Wind geblähtes Segel. „Schon 'ne Viertelstunde über der Zeit! Glaubst du das?“
Mary schüttelte, wangenbebend, das feiste Haupt, erzürnt nicht nur über die unerhörte Verspätung ihrer geliebten Sendung, sondern auch über die von ihrem nicht weniger hochgeschätzten Ehemann losgetretene Chipslawine. Das Flackern des Blaulichts der Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen auf dem Fernsehschirm warf rot-weiß-blaues Stroboskoplicht in die enge, dunkle Stube.
„Seit heute Morgen nur Berichte über diese Terrorkacke!“ Pete wuchtete seinen mächtigen Körper aus dem zerschlissenen, dunkelbraunen Ledersessel, in dem schon sein Vater das Leben verflucht hatte. „Ich hol mir noch 'n Bier.“ Während er zur Küche schaukelte, fluchend, weil er seinen linken Pantoffel nicht finden konnte, kratzte er sich ausgiebig am abgescheuerten Hinterteil seiner blauen Shorts.
Mary rümpfte die Nase. „Sauf nicht so viel!“
„Geht dich 'n Scheißdreck an.“
Der amerikanische Kühlschrank, ein bollerndes, größenwahnsinniges Unding, zugepflastert mit spanischen Sonnenunter- und italienischen Mondaufgängen, sowie halbnackten Silikon-Schlampen aus aller Welt, öffnete schmatzend das breite Maul.
„Einen haben sie schon vorher erwischt“, rief Mary ihrem Gatten hinterher. „Ehe die Bomben hochgingen. Abgeknallt haben sie den. Den Drecksack. Der hatte auch 'ne Bombe dabei.“
Pete stand mit einer Dose Guinness im Türrahmen und starrte auf den Fernseher. Das Blaulicht flackerte unruhig über sein breites Gesicht und blitzte in seinem Ohrring. „Wie geht das denn?“
„Was?“
„Häh?“
„Wie geht was?“ Mary
drehte sich zu ihm um.
„Wie konnten sie den denn abknallen?“
„Sollten ihn wohl am Leben lassen? Hier!“ Mary tippte sich an die Stirn. „Geht’s noch?“
„Sag mal, hältst du mich für blöd?“ Pete schlurfte zum Sessel zurück und ließ sich ächzend absacken. „Ich meine: Wie konnten die denn schon wissen, dass er 'n Terrorist ist? Bevor die Bomben hochgingen?“
Mary starrte eine Zeitlang gedankenverloren auf den silbernen Philips Breitbildfernseher, ihr ganzer Stolz, für den sie fünf Jahre lang auf ihren Urlaub in Ostende verzichtet hatten. „Die wissen das“, murmelte sie schließlich und legte zufrieden die Hände auf ihren wulstigen, weißen Bauch, der mit abstoßender Blässe zwischen Top und Shorts hervorquoll. „Die sagen uns doch nicht alles.“
„Da.“ Pete deutete auf Julia, die schwarzhaarige Wetterfee mit dem strammen Arsch, der jedes Tief wieder hoch holen konnte. Der Arsch, im Profil, kündigte den nächsten Sonnentag an. „Jetzt geht’s gleich los. Bin gespannt, welche Sau sie diesmal vor die Kamera zerren.“
Der Bildschirm wurde schwarz, tauchte die Stube in graue Dunkelheit. Stille, nur unterbrochen vom leisen Surren des Ventilators vor Petes Sessel.

Dann, endlich, als mächtiges Ziegelwerk, die rote Schrift: ‚HEADSHOT!’. Ein knallender Schuss, die massiven Buchstaben zerbarsten mit Getöse. Hinter den Trümmern erschien, edel und hochgewachsen, David Burns, im schwarzen Smoking, hob eine Magnum zum Mund und pustete den Rauch vom Lauf. Die Kamera folgte den Schwaden, die sich langsam verflüchtigten und den Blick freigaben auf den heutigen ‚Tatort’, der sich bedächtig aus dem Schwarz herausschälte: eine dunkle Straße. Auf dem Bürgersteig, im unruhigen Scheinwerferlicht, David, heute betont leger gekleidet, mit weißem Dolce&Gabbana-Polohemd und schwarzer Jeans von Helmut Lang, rechte Hand in der Hosentasche. Er verzog die vollen Lippen zwischen dem
gepflegten Henriquatre zu einem einladenden Lächeln. Wortlos drehte er dann das Gesicht ab und blickte eine Zeitlang hinter sich die Straße hinunter, in der wenig auszumachen war. Das Bild verharrte auf seinem Hinterkopf mit dem tadellosen, gelgestriegelten, schwarzen Kurzhaarschnitt. Ein einstudiertes Ritual. Schließlich wandte David sich wieder der Kamera zu. Sein Lächeln war verschwunden, hatte einer besorgten Miene Platz gemacht. Die Stirn war gerunzelt, der Blick wurde fragend, fast vorwurfsvoll. „Mein Name ist David Burns. Willkommen zu Headshot!“

„Toller Typ“, meinte Mary.
„Jedes Mal?“ stöhnte Pete. „Wirklich? Muss ich mir das wirklich jedes Mal anhören? Halt doch einfach mal die Klappe. Ich will fernsehen. Fern! Seh! Hen!“
„Sieh dir den mal an! Der ist so alt wie du.“
„Der würd’ dich doch noch nicht mal mit ’ner Mistgabel aufspießen.“ Er betrachtete seine Frau von der Seite. Sie war in den letzten Jahren so fett und hässlich geworden, dass er schon fast Mitleid empfand. Nicht nur für sie, auch für sich. „Und mit seiner dürren Nudel schon mal gar nicht.“ Pete lachte breit.
„Du dummes Schwein!“

„Die schlimmste Spezies.“ David wanderte bedächtig auf die Kamera zu, sein Gesicht wurde zur angeekelten Maske, die Arme hatte er weit vom Körper abgewinkelt, so als predige er zu einer Gemeinde. „Um die, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, müssen wir uns heute kümmern.“ Zoom auf das kantige, aristokratische Antlitz. „Schlimmer als ein Mörder! Grausamer als ein Tier! Brutaler als die Terroristen, die uns heute alle so tief erschüttert haben! Sicherlich können Sie sich eine solche Kreatur noch nicht einmal vorstellen, liebe Zuschauer. Doch es gibt sie. Unsere Kamera zerrt sie ins Licht und gibt ihr ... den Headshot!“
Hinter dem Kopf des Moderators erschien die Karte von England. Zoom hinein, Richtung Südosten, London, nach Osten, Tower
Hamlets, Whitechapel.

„Oha!“ Mary richtete sich im Sessel auf, beugte den Oberkörper vor.
„Wow!“ Pete vergaß für Sekunden die Bierdose in seiner Hand.

„Dies war einst das Jagdgebiet von Jack the Ripper.“ David stand mit dem Rücken zur Kamera, die Arme weiterhin zur Predigt ausgebreitet. Langsam drehte er sich um und blickte mit ernster Miene in die Stuben Albions. „Heute jagt hier eine andere Bestie. Ein blutgieriges Mördervieh, gegen das der Ripper wie ein barmherziger Engel wirkt.“ David trat zur Seite; man sah nur noch die dunkle, menschenleere Straße. „Eine Spezies, die wir, und ich glaube ich spreche hier auch in Ihrem Namen, nicht mehr als Mensch bezeichnen können. Heute, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, werden wir Ihnen ein Übel vor Augen führen, das Sie wahrscheinlich nur aus Ihren schlimmsten Albträumen kennen.“ Die Kamera drehte zurück auf David, Zoom aufs Gesicht. „Ich spreche von ... Pädophilie!“

„Von wem?“ fragte Mary aufgeregt.
„Von ’ner schwulen Sau“, grollte Pete.

„Jawohl, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, hier in Whitechapel, in dieser Straße, lebt das übelste Gezücht, das unsere verkommene Gesellschaft hervorgebracht hat: ein Kinderschänder! Ein perverses Schwein, das sich an jungen, unschuldigen Knirpsen aufgeilt und ihnen Körper und Seele zerstört. Aus fröhlichen Kindern werden Wracks, lebende Tote, zerstörtes Leben.“
David blickte zu Boden, ließ den Kopf hängen.

„Den schlag’ ich tot!“ knurrte Pete. „Wenn der tatsächlich hier wohnt, schlag ich ihn tot!“

„Hier also lebt er!“ Die Kamera zoomte auf das Straßenschild.

Pete verschluckte sich und prustete Guinness über den schweren und schwer schadstoffbelasteten, schokofarbenen Flokati vor dem Fernseher. „Heilige Scheiße!“ stöhnte er.
„Gibt’s nicht“, flüsterte Mary.

Derweil wanderte die Kamera unruhig die Häuserzeile entlang. Im
Schein des zitternden Lichtkegels erkannte man die schmalen Fronten der Arbeiterwohnungen. Im Off hörte man Davids gehetzte Schritte und seinen stoßweisen Atem. Schließlich blieb der Spot an Nummer 54 hängen. Das Bild zoomte über die kurz geschnittene Hecke hinweg, bis zur grün getünchten Holztür.
„Der Unterschlupf des Monsters“, flüsterte David und trat zurück ins Bild, das Gesicht zur angeekelten Grimasse verzerrt. „Hier wohnt kein Hobbit, liebe Leute. Oh nein! Dies ist eine ganz andere Höhle. Die widerliche Höhle des ... Tiermenschen.“

„Das ist doch ...“, stammelte Pete. David stand vor ihrem Haus! Vor seiner beschissenen Hütte. Die Tür, über die der Lichtkegel auf dem Bildschirm hüpfte, war seine Haustür, die er vor gerade einmal drei Wochen frisch gestrichen hatte. „Träum ich?“ Er blickte sich gehetzt um, erhob sich kurz und sank wieder nieder. „Das ist doch ein Scherz, oder?“
„Du alte Sau!“ stieß Mary hervor, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. „Wusst’ ich’s doch.“

„Hier wohnt er: Peter Whitfield, genannt Pedo-Pete. Nach nicht einmal zwei Jahren hinter Gittern, kam er wieder auf freien Fuß. Das ist unser Justizsystem, meine Damen und Herren. Das ist England! Aber ‚Headshot’ wird ihm keine Ruhe lassen! Oh, nein! Das hat diese Brut nicht verdient. Dieser Meinung sind Sie doch auch? Und deshalb werden wir jetzt, Sie und ich, bei ihm anklopfen. Pass auf, Schweine-Pete, das wahre, das ehrliche England steht vor deiner Tür!“
David hetzte geduckt den von Mary mit verwirrter Liebe gepflegten Vorgarten entlang zum Eingang und klingelte.

Mary erhob sich und ging gemessenen Schrittes zur Tür. Sie warf sich den verführerischen, etwas engen, schwarzen Morgenmantel aus Polyester um, fuhr sich durchs Haar, schob die Brust heraus und warf den Kopf zurück.
„Was, zum Teufel, machst du?“ knurrte Pete.
„Die Tür öffnen“, flüsterte
Mary.
„Aber, es hat doch gar nicht geklingelt!“ Pete sprang vom Sessel hoch, nicht wenig Lust, zum ersten Mal in seinem Leben die Hand gegen seine Frau zu erheben. Dann starrte er wieder aufs Fernsehbild. Dort blickte David angespannt, mit streng gefurchter Stirn, auf seine frisch getünchte Tür, drückte erneut die Klingel. „Ich war doch noch nie im Knast“, stieß Pete hervor. „Noch nie! Hörst du, Mary? Das weißt du doch!“
Seine Frau beachtete ihn nicht und öffnete die Tür. Aus den Augenwinkeln beobachtete Pete, wie auf dem Bildschirm ebenfalls die Tür geöffnet wurde. Marys ernstes, bleiches Gesicht erschien im Scheinwerferlicht. Wie war das möglich? Es hatte doch gar nicht geklingelt. Während Mary den Morgenmantel enger um sich zog, zog sich Petes Magen zusammen; sein Herz geriet ins Stolpern.
Derweil kam Mary zurück in die Stube geschlurft. „Da war niemand“, sagte sie enttäuscht. Als sie dann erkannte, was sich auf dem Bildschirm abspielte, blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Sind Sie Mary Whitfield?“ fragte David Burns.
„Jawohl, Sir.“
„Und Ihr Mann ist Peter Whitfield?“
„So ist es.“
„Dürfen wir ihn sprechen?“
Mary trat bereitwillig zur Seite. Die Kamera wackelte den engen Flur entlang, vorbei an den Bildern ihres Sohnes Mike, der inzwischen in Dublin, in einer Wohngemeinschaft von freischaffenden Künstlern lebte, in die dunkle Stube hinein; Davids Hinterkopf blieb dabei stets im Bild. Dann zoomte die Kamera am Moderator vorbei in Petes zu Tode erschrecktes Gesicht.
„Peter Whitfield?“ fragte David.
Pete blieb stumm, den Mund halb offen.
„Pete? Pedo-Pete?“

„Was ... was geht hier vor?“ Pete blickte Mary verständnislos an, den Mund halb offen. „Wie geht das? Wieso bin ich im Fernsehen?“
„Was hast du bloß getan?“ flüsterte Mary entsetzt und fasziniert zugleich.
„Wieso?“ knurrte Pete. Dann plumpste er zurück in seinen
Sessel und starrte wieder auf den Bildschirm. „Was soll ich denn getan haben?“ fragte er, unsicher, mehr sich selbst, als Mary.
„Wieso wäre David sonst bei uns?“
„Aber, er ist doch gar nicht hier, du dumme Kuh!“ brüllte Pete.
„Aber, da!“ Mary deutete auf den Fernseher. „Da! Da ist er doch!“

„Nun, Pete, wollen wir miteinander reden?“ fragte David.
Pete nickte; er schien erledigt. Sein Blick zuckte umher wie die Augen eines in die Enge getriebenen Tieres.
„Stimmt es, Pete, dass Sie ... dass du im Knast saßt, weil du mehrere Kinder vergewaltigt hast? Nicht einmal vor einem Knaben, einem Knirps von gerade einmal fünf Jahren hast du Halt gemacht. Auch ihn hast du … Nicht wahr?“
Pete nickte erneut und ließ den Kopf hängen. „Ja“, hauchte er; augenscheinlich kämpfte er mit den Tränen.

„Ich glaube diese Scheiße nicht“, stöhnte Pete. „Ich träume doch!“ Sein Kopf ruckte herum, der Blick sprang von einer Ecke des Raumes zur anderen und blieb schließlich an der verdächtig großen Kuckucksuhr aus Hongkong hängen. „Ist das so eine verdammte ‚Versteckte Kamera‘ Scheiße? Bist du da mit im Spiel?“ brüllte er seine Frau an. „Das ist doch so, oder? Was weißt du davon? Verdammte Scheiße! Mary, antworte!“
„Sei endlich still“, zischte Mary. „Ich will hören, was du zu dem Schweinekram zu sagen hast.“
Petes Kinnlade klappte nach unten; er starrte seine Frau völlig entgeistert an. Dann wurde sein Blick wieder, wie hypnotisiert, vom Fernseher angezogen.

„Stimmt es, dass die Polizei bei dir kistenweise Videomaterial gefunden hat? Mit selbst gedrehten Filmen? Filme, mit Nachbarskindern? Perversester, abscheulichster Schmutz?“
David wartete Petes Antwort nicht mehr ab, sondern wandte sich direkt an die Kamera. „Wir haben uns lange überlegt, ob wir Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, Ausschnitte aus diesen ungeheuerlichen Filmen
zeigen sollen. Im Interesse einer ausführlichen Berichterstattung und nach langen Diskussionen mit der Programmleitung, haben wir uns schließlich dazu entschieden, Ihnen diese abartigen, perversen Machwerke nicht vorzuenthalten. England soll, nein, England muss wissen, was hinter seinen Mauern vorgeht.“ Nun wurde Davids Gesicht sehr ernst. „Doch ich warne Sie, verehrte Zuschauer. Was Sie nun sehen werden, ist auf gar keinen Fall für Kinder geeignet. Falls Sie es nicht schon längst getan haben, so schicken Sie Ihre lieben Kleinen jetzt zu Bett. Wir werden Ihnen selbstverständlich nur kurze Ausschnitte zeigen. Und natürlich wurden alle Protagonisten von uns unkenntlich gemacht.“ Davids Gesicht wurde wieder freundlicher. „Wir sehen uns nach der Werbung.“

„Du dreckiges Schwein!“ schluchzte Mary. „Wieso sagst du ihm nicht, dass du das nicht warst?“ Sie wandte sich vom Fernseher ab und blickte auf ihren sprachlosen Mann. Dicke Tränen quollen widerspenstig aus ihren Augen. „Wieso verteidigst du dich nicht? Du hast es also tatsächlich getan?“ Sie blickte wieder auf den Fernseher. „Mein Gott, die armen Kinder. Dafür sollte man dich hängen!“
Pete riss Mary die Fernbedienung aus der Hand und schaltete den Fernseher aus. Es wurde still und dunkel; im Licht des Mondenscheins erkannten sie sich nur noch schemenhaft. „Mary, ich bitte dich,“ sagte Pete und versuchte seine Stimme so sanft und beruhigend wie möglich zu halten, „du glaubst das doch nicht wirklich? Hier ist doch niemand. Das siehst du doch. Und wir sind doch auch gar nicht im Fernsehen. Wir können gar nicht drin sein. Hier sind doch keine Kameras. Niemand hier! Hörst du?“ Nur das Summen des Ventilators war zu hören. „Verstehst du? Sag doch was! Mary!“ Er erhob sich, trat an seine Frau und versuchte, sie in den Arm zu nehmen.
Doch der Schemen entwand sich ihm und huschte zur Tür. „Fass mich nicht
an!“
„Mary, ich ...“ Petes Satz wurde jäh unterbrochen, als ein Stein durchs Fenster flog. Scherben klirrten kalt durch die dunkle Stube.
„Hey, Pedo-Pete, wir kommen!“ grölte der Mob auf der Straße. „Wir kommen dich holen!“
Pete hastete geduckt zum Fenster und erkannte im Schein der Straßenlampen seinen Nachbarn Ed und dessen Frau Cynthia, mit denen er gestern noch gefeiert hatte, als sie erfahren hatten, dass London 2012 die olympischen Spiele austragen würde. Sie hatten zwar nicht gewusst, was sie eigentlich feierten, da ihnen der olympische Kram mit den gedopten Vollpfosten so was von am Arsch vorbei ging. Aber gefeiert hatten sie trotzdem. So wie all die anderen. Und zusammen gesoffen hatten sie. So wie all die anderen. Und jetzt standen die beiden da, in seinem Vorgarten, geifernd, neben Phil, dem Hurensohn, der mal seinen Polo gerammt hatte, und neben Amanda, dem versoffenen Luder, und Diane, dem Trampolin von London, und Joe, der regelmäßig seine Katzen verhungern ließ, und ... die ganze verdammte Scheiß Nachbarschaft hatte sich zu seinen Ehren versammelt. „Komm raus, du Sau!“
Pete huschte neben das Fenster und drückte sich an die Wand. Das schwere, bronzene Thermometer, gehalten von einem Männchen machenden Schnauzer mit Zylinder und Gehstock, fiel polternd zu Boden. Pete ließ die Rollläden runter rasseln. Nun war es völlig dunkel. „Dieses verdammte Dreckspack! Die wollen mich lynchen! Ruf die Polizei! Mary! Schnell!“
Keine Antwort.
„Mary?“
Nichts.
„Verdammt! Mary!“
Stille.
„Dann mach ich’s eben selbst.“ Pete tastete sich zum Stubentisch vor, auf dem sein Handy lag. Dabei stieß er mit seinem rechten Bein gegen den mächtigen Subwoofer der Surroundanlage. Umgehend schwoll das Knie um das Doppelte seiner Größe an. „Verdammte Hurenscheiße! Mary!“ brüllte er.
Ein Rascheln im Flur. Pete dämmerte etwas.
„Das wagst du nicht! Mary! Komm
her! Sofort!“
Seine Frau öffnete die Haustür. Im Flur polterten Schritte.
„Jetzt geht’s rund!“ Das war Ed.
Als Pete sicher war, dass es ernst werden würde, versuchte er noch, durchs Fenster zu flüchten. Er riss die Rollläden wieder hoch, hebelte das Fenster auf und wollte mit Todesverachtung den knappen Meter hinunter in den Garten hechten, doch Ed bekam ihn noch eben an der Feinrippunterhose zu fassen, die wie üblich einen weißen Spalt aus seinem Short hervor lugte. Gleichzeitig packte ihn jemand am Bein, jemand anders griff ihm um den Hals. Wie ein Irrer schlug Pete um sich. Und traf! Und wie! Aufstöhnen und unterdrückte Schmerzensschreie um ihn herum. Augenblicklich war er wieder frei und stürzte keuchend nach draußen, in die rettende Nacht. Mit den Armen fuchtelte er durch die Rosen unter dem Fenster, doch die Beine wollten nicht richtig nachkommen, hingen weiterhin in der Stube. Wieder griffen harte Hände um seine Fesseln. Es war Ed. Eds Nase blutete.
„In den Garten“, schrie jemand. Pete glaubte, es sei Eds Frau Cynthia.
Keuchend und stöhnend versuchte Pete, die Beine frei zu bekommen. Derweilen näherten sich hastige Schritte durchs Rosenbeet.
„Packt das Schwein!“ brüllte Ed aus dem Fenster hinter ihm.
„Ed“, stöhnte Pete, „was soll der Scheiß? Lasst mich in Ruhe. Ihr seht doch selbst, dass euer David-Arsch nicht hier ist.“
„Lüg nicht!“ brüllte sein Nachbar außer sich.
Mary stand neben Ed, drückte sich sanft an ihn und presste beide Fäuste an den Mund.
Jemand im Garten griff nach Petes T-Shirt. „Hab ihn!“
Pete machte weiterhin die Schubkarre: Beide Hände am Boden, die Nase über den duftenden Rosen, die Füße hingen einen halben Meter über seinem Kopf am Fenstersims fest.
„Aber ...“ begann Pete. Dann krachte etwas schwer auf seinen Rücken und brach ihm augenblicklich das Rückgrat. Sein Satz endete in einem Gurgeln; seine Seele erstarb,
ertrank in unendlichem Schmerz.
Heiseres Lachen aus vielen Kehlen.
„Habt ihr das gesehen?“ brüllte sein unbekannter Peiniger wie in Ekstase. „Habt ihr den Scheiß gesehen? Wie das gekracht hat?“
Die ganze Bande hatte sich dann schnell um ihn versammelt. Zappelnd wurde Pete durch den Vorgarten auf die Straße geschleift. Auf die Straße, auf der er vor 14 Jahren seine einzige Schneeballschlacht mit seinem Sohn gehabt hatte. Dieser traurige Gedanke kam ihm jetzt. Und die Erinnerung an ihr beider Lachen. Danach hatten sie nie wieder zusammen gelacht.
Pete war bereits halb besinnungslos vor Schmerz als er endlich im Rinnstein lag. Füße traten auf ihn ein. Ein eisenbesetzter Schuh traf ihn am Kinn und brach ihm den Unterkiefer.
„Hat er nicht besser verdient!“
Dann schlug jemand mit einer Eisenstange zu. Immer wieder. Pete hob abwehrend den linken Arm. Die am Gelenk gebrochene Hand baumelte nutzlos herab.
„Seht nur, schwul ist er auch noch! Wie der Vater, so der Sohn.“ Es wurde gejohlt.
Plötzlich wurden seine Kleider nass. Blut?
‚Gott, bitte lass es bald vorbei sein!’ dachte Pete. Sie lachten aufgeregt. Also kein Blut. Wahrscheinlich bepissten sie ihn. Die Wahrheit dämmerte ihm erst, als ein leerer Kanister blechern über den Asphalt hüpfte und ein strenger Geruch in sein umnebeltes Gehirn stach. Er hatte oft gehört, dass es keinen schlimmeren Schmerz gibt als Brandwunden. Als Ed das brennende Feuerzeug auf ihn warf, wusste Pete, dass es stimmte! Oh, Gott, ja, es stimmte!
Wie ein Fisch auf dem Trockenen wälzte Pete seinen zertrümmerten Körper in grotesken Verrenkungen über die Straße, brüllend. Brüllend. Brüllend. Um Vergebung! Doch die Flammen loderten weiter, fraßen ihn langsam auf, aber er konnte nicht sterben. Er wollte sterben. Er wollte so unbedingt, verfluchtteufelnochmal sterben, aber er starb nicht. Pete war Zeit seines Lebens nie ein Spielverderber gewesen. Er
war es auch in der langen Stunde seines Todes nicht.

„Dies ist ‚Bestie Mensch’. Mein Name ist Jonathan Fakes.
Whitechapel, London. Was sich heute Nacht hier zugetragen hat, dürfte jedem rechtschaffenen Menschen schlaflose Nächte bereiten. Peter Whitfield, ein arbeitsloser Mann um die vierzig, ein ehrlicher Bürger, wie Sie und ich, der stets seine Steuern gezahlt hat und sonntags zur Kirche ging, wurde von seiner Frau und seinen Nachbarn auf die Straße gezerrt, zusammengeschlagen, mit Benzin übergossen und angezündet. Damit nicht genug! Einer aus der blutgierigen Meute hat diese bestialische Hinrichtung mit seiner Kamera festgehalten. Können Sie sich eine solche Kaltblütigkeit und maßlose Brutalität vorstellen? Sicherlich nicht. Wir haben uns deshalb auch lange überlegt, ob wir Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, diesen blutrünstigen Augenzeugenbericht enthüllen sollen. Im Interesse einer ausführlichen Berichterstattung und nach langen Diskussionen mit der Programmleitung, haben wir uns schließlich dazu entschieden, Ihnen dieses Dokument nicht vorzuenthalten. England soll, nein, England muss wissen, welch tödlicher Hass hinter diesen unscheinbaren, scheinbar so unschuldigen Fassaden brodelt. Doch ich warne Sie, verehrte Zuschauer. Was Sie nun sehen werden, ist nichts für schwache Nerven. Wir werden deshalb auch nur kurze Ausschnitte zeigen. Und natürlich wurden alle Protagonisten von uns unkenntlich gemacht.
Wir sehen uns nach der Werbung.“


VIII


(07. Juli 2021, 08.44 Uhr, London)
Der Todesschuss sollte eine große Ehre für ihn sein. Der Dank dafür, dass er mit seiner Idee die Menschheit gerettet hatte. Doch Tarik fühlte sich nur noch jämmerlich und elend, als er in der weiten, leeren Bahnhofshalle stand und den Lauf des Gewehres entlang stierte. Alle Videos der Bahnhofsüberwachungskameras von jenem Tag im Juli des Jahres 2005 waren genauestens studiert worden. Dort, wo der Terrorist erschossen werden sollte, stand jetzt ein Dummy mit den exakten Maßen des Jamaikaners, seiner genauen Körperhaltung. Tarik hatte einen Empfänger im Ohr, über den er einen Impuls erhalten würde, in der Sekunde, an der er den Kopf des Terroristen zertrümmern sollte.
Dann würde die Kugel durch die Zeit rasen und in zehn Jahren hintereinander am selben Tag, zur selben Sekunde auftauchen. Damit sie ausreichend getestet werden konnte, denn eine solch teure Waffe musste genauestens erprobt werden. Das hatte das Militär verlangt. Wer konnte schon wissen, wozu man sie noch einmal gebrauchen könnte. Auf den Videos der Überwachungskameras würde man dann feststellen können, ob die Kugel aufgetaucht war. Auf denselben Videos, auf denen jetzt noch nichts zu sehen war.
Die Kugel würde natürlich Unschuldige verletzten oder töten. Und wahrscheinlich das Raum-Zeit-Gefüge instabil werden lassen. Denn die Kugel würde mit Sicherheit in der Vergangenheit jemanden töten, der heute noch lebte. Sie spielten mit Gottes Schöpfung. Und es war seine Idee gewesen.
Die Augen der Welt waren nun auf ihn gerichtet. Die Hinrichtung wurde live in die ganze Welt übertragen. Vielleicht würde es das Letzte sein, was die Menschheit zu sehen bekam.
Ein schriller Piepton. Fast unwillkürlich krümmte Tarik den Finger.


2 - Inferno


In verbotenen Büchern steht geschrieben, dass sich an Orten großer menschlicher Pein der Vorhang hebt. Jener schwere, blutrote Vorhang, der Grenze ist zwischen unserer Welt und jener anderen, die unsere fahle Dimension seit dem Fall des Lichtengels umschließt, wie eine verheerende Feuersbrunst. Weiter steht geschrieben, dass wir, wenn wir diesen Moment der Offenbarung erleben da der schützende, göttliche Schleier sich lüftet, erkennen werden, dass unser Leben bloß ein Schatten ist, den jene, nur für uns züngelnden, nach Marter und Schmerz gierenden und leckenden Flammen des Höllenfeuers, in unser stetes Halbdunkel werfen.
Und obwohl diese, zumeist in Menschenhaut gebundenen, verbotenen Bücher, seit den Zeiten der heiligen Inquisition, gehalten mit starken, gesegneten Ketten, verschlossen durch stählerne Schlösser, verborgen in tiefsten Verliesen hinter mächtigen Klostermauern liegen, so ahnen wir doch, wissen es allesamt unbewusst, dass die Wahrheit um unser elendes Dasein nicht anders ist, als es in diesen dreifach verfluchten Werken in verbotener Sprache geschrieben steht.
Diese Orte, aber, diese dunkelsten Herzen menschlichen Elends, an denen sich der schützende Vorhang hebt, oder gar von schrecklicher, krallenbewehrter Klaue zerrissen wird, finden wir überall dort, wo Menschen sich niedergelassen haben, gehäuft deshalb in unseren Städten, den Metropolen, moderner Auswurf der verdammten, gottlosen Urstadt Bab-ili. An diesen Orten werden unsere Schmerzen zur Pforte, unsere verzweifelten Schreie ihr Schlüssel.

(7. Juli 2006, 08.50 Uhr, Chicago)
Rose Lachar war keine ängstliche Frau. Die Chefin der Putzkolonne eines piekfeinen Hotels wie es das William Tell nun einmal war, konnte sich eine solche Charakterschwäche auch gar nicht leisten. Da waren ein starker Wille und angeborener Schneid gefragt, um die ungehobelten Damen und neuerdings auch Herren unter Kontrolle zu halten. Ihre

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  • Humor, Satire, KabarettKategorien
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