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Über das eBook

Guy Girardi

Der schnellste Junge der Welt

Der junge Sikulumi auf dem Pfad der Toten. Ein bitterböses Märchen aus Afrika. (Teil der Anthologie "Kopfschuss")

  • FSK ab 0 Jahren
  • Sprache: de
  • Veröffentlicht:
  • ISBN:
  • Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.

Der schnellste Junge der Welt


(c) 2012 by Guy Girardi. Alle Rechte vorbehalten.

Es war einmal, in Afrika, ein Junge, der dachte von sich selbst, er sei der schnellste Junge der Welt. Sikulumi war sein Name, und Sikulumi saß nun in einer Pfütze, ganz alleine, auf einem einsamen Felde. Denn wieder einmal hatte er den Worten seiner Mutter nicht gelauscht und so war es ihm schlecht ergangen.
„Großvater Mashambwa“, fragte deshalb überrascht Sikulumi, „bin ich jetzt tot?“ Er stellte die Frage einer Gottesanbeterin, die sich vorsichtig genähert hatte, wusste er doch sehr wohl, dass in ihr der Geist seines Großvaters lebte. Als aber der Großvater schwieg, da fragte der Junge weiter: „Wirst du mich nach Mosima führen?“ Mosima, so wusste Sikulumi, das war das Reich der Toten, unter der Erde, wo Großvater Mashambwa jetzt weilte. Doch der Großvater blieb stumm.
„Sicher bist auch du wütend, weil ich den Pfad verlassen habe“, meinte Sikulumi traurig. „Wieso bloß, habe ich nicht den Worten der Mutter gehorcht?“

„Sohn, du weißt, was neben dem Pfade, auf den Feldern auf dich lauert?“ hatte die Mutter ihn gefragt.
„Ja, Mutter, ich weiß es wohl. Es sind die Geister der Toten.“
„Aber böse Geister sind es, Sikulumi! Nicht die guten, wie dein Großvater Mashambwa. Nein, Sikulumi. In Stücke werden sie dich reißen, so sie dich zu packen kriegen. Und wenn dies getan ist, kommen die Amazimu und verschlingen, was die Geister von dir übrig ließen.“
„Ich werde auf dem Pfade bleiben, Mutter. Das will ich dir gerne versprechen!“
Die Mutter aber hatte ihn misstrauisch von Kopf bis Fuß gemustert: „Ich muss nun mit den Frauen die gefräßigen Vögel von den Feldern vertreiben. Doch wünschte ich, ich könnte mit dir gehen, mein Sohn.“
„Du weißt, Mutter, es ist nicht weit bis zu Gosos Dorf. Ich werde den Pfad der Toten nicht verlassen. Ich tue genau so, wie ich es versprochen habe.“
Dann war
Sikulumi von dannen gezogen und die Mutter hatte ihm noch lange nachgeblickt.

„Was sie wohl sagen wird?“ fragte Sikulumi seinen Großvater. Dieser hatte bereits seine wahre Gestalt angenommen, doch blieb er immer noch durchscheinend. Traurig und stumm blickte er auf den Jungen hinab, der hilflos vor ihm auf der Erde saß.
„Wirst du mich vor den Amazimu schützen?“ Die Amazimu waren böse Menschenfresser, die nur ein Bein hatten. Sollten sie ihn erwischen, so würden sie ihn auffressen. Sodann würde er selbst zu einem von ihnen werden. Bis in alle Ewigkeiten würde auch er auf einem Bein über die Felder hüpfen müssen. Er, Sikulumi, der schnellste Junge der Welt.
Der Großvater schüttelte stumm den Kopf.
Angestrengt starrte Sikulumi über das weite, in der Hitze flirrende, kahle Feld, auf dem nur wenige, absonderlich verkrüppelte Affenbrotbäume standen. Er hoffte, er könne bald die guten Engel sehen, wie sie an Spinnfäden aus dem Himmel kämen, um ihn vor den Amazimu zu retten. Doch das weite Feld blieb leer, bis zum wabernden Horizont, und Sikulumi blieb einsam. Alles war stumm, nur das Flattern der Fähnchen an den rot-weiß gestreiften Stöckchen um ihn herum drang durch das fürchterliche Rauschen und Pfeifen in seinen Ohren. Er wünschte sich so sehr, zumindest das Schnaufen des alten Esels von Herrn Molomi zu hören. Als Sikulumi sein Dorf verlassen wollte, hatte Herr Molomi ihn herbeigerufen.

„Junge!“ hatte er gerufen. „Wohin des Weges, so ganz alleine?“
„Zu meinem Freunde Goso will ich gehen, Herr Molomi.“ Herr Molomi war der Inyanga, der Arzt des Dorfes. „Denn er hat heute Geburtstag.“
„Weiß die Mutter das?“
Sikulumi hatte genickt.
„Nun, dann ist wohl alles so, wie es sein soll.“ Der Inyanga blickte eine Zeitlang gedankenverloren den Pfad entlang. Sikulumi wollte schon weiter seines Weges gehen, als Herr Molomi ihn am Arm packte. „Ich muss heute noch
zu der kranken Mweru reiten. Ich werde einen Umweg machen und dich in Gosos Dorf absetzen.“
Sodann zog er den Jungen hinter sich her und hob ihn auf Makanda, seinen alten, tauben Esel. Nachdem Herr Molomi den Esel dreimal mit der Rute geschlagen, und dieser auf jeden Schlag mit einem Schrei geantwortet hatte, hob der Inyanga den Jungen wieder von seinem störrischen Reittier herunter. „Makanda will heute nicht gehorchen. Eines Tages wird es ihm deshalb schlecht ergehen.“ Er blickte Sikulumi eindringlich in die Augen. „Du weißt, wie der Pfad dort heißt und was dich neben dem Pfade erwartet?“
„Ich weiß es wohl, Herr Molomi. Ich werde auf dem Pfade bleiben. Das will ich gerne versprechen!“
Der Inyanga hatte ihn daraufhin kurz an sich gedrückt. „Gib gut auf dich auf acht, mein Sohn!“
„Ich will es versprechen“, hatte Sikulumi noch einmal gesagt und war dann losmarschiert. Herr Molomi hatte ihm noch lange nachgeblickt.
Es war noch früh am Morgen gewesen, aber der Pfad vor ihm war schon in der Hitze zerflossen. Sikulumi war kaum aus Herrn Molomis Sicht verschwunden gewesen, da hatte er bereits nur noch an die vielen Schlangen gedacht, die sich auf dem Pfad der Toten in der Sonne wärmen würden. Sikulumi mochte die Schlangen über alles. Die mahnenden Worte seiner Mutter und des Inyanga aber hatten bereits ihre Kraft verloren.

„Großvater, zwei Versprechen habe ich heute gebrochen.“ Sikulumi begann zu weinen. „Schändlicher als die Hyäne bin ich.“
Sanft fuhr ihm der Großvater wie der Wind durchs Haar.
„Ein großer Läufer wollte ich werden“, schluchzte Sikulumi. „Ich war der schnellste Junge im Dorf. Jeder hat meine langen, starken Beine bewundert. Ich war der schnellste Junge der Welt! Stimmt es nicht, Großvater?“ Sikulumi blickte zu Boden und betrachtete traurig die großen Ameisen, die sich um ihn versammelt hatten.
Wäre er doch bloß nicht diesem Hasen
begegnet.

Dieser Hase war am Rande des Pfades gesessen, scheinbar ohne Angst vor dem Menschenkind, das fröhlich pfeifend seines Weges kam. Sikulumi hatte gleich gewusst, dies konnte nur Hlolo sein, der Hase aus den Märchen seiner Mutter.
„Hlolo“, hatte Sikulumi geflüstert, „bist du es?“
Der Hase hatte nur kurz mit den Löffeln gezuckt. Sikulumi hatte sich vorsichtig genähert und da war Hlolo davon gehoppelt, nicht hastig, sondern überaus bedächtig, so als wolle er den Jungen necken, so, als wolle er ihn dazu verleiten, ihm zu folgen. Schließlich hatte Sikulumi nur noch Hlolos zuckende Ohrenspitzen hinter der kurzen Anhöhe am Rande des Pfades sehen können. Als der Junge dann den Anstieg bewältigt und auch den Zaun überstiegen hatte und das weite Feld erblickte, da fuhr ihm ein gewaltiger Schrecken durch die Glieder. Hier also lauerten die bösen Geister. Er blickte zurück zum Pfade, dann den Weg entlang, bis er am Rand des Dunstes die ersten Hütten von Gosos Dorf erkennen konnte. Sikulumi hatte tief eingeatmet und sich am Kopf gekratzte.
Das Feld war verlassen gewesen, nur ganz fern am Horizont sprangen Antilopen. Hier aber war es sehr ruhig, heiß und schön. Trügerisch schön war das rotbraune Feld mit den verdrehten Bäumen, die in der Hitze zu tanzen schienen, trügerisch schön, wie der hinterhältige Regenbogen, der sich nur allzu gerne über den Himmel spannt, um den guten Regen zu verscheuchen.
Hlolo schien auf den Jungen zu warten. Ganz ruhig saß er neben einem der kurzen, rot-weißen Pfosten, die von strengen Männern in den Boden gerammt worden waren, und blickte ihn unverwandt an. Von dort, wo der Hase saß, neben einem der Stöckchen, würde Sikulumi den rettenden Pfad ja noch sehen können. Wenn die Geister kämen, dann konnte er doch immer noch davonlaufen. War er denn nicht der schnellste Junge der Welt?
„Warte, Hlolo, ich komme zu dir“, hatte er geflüstert.
Dann war er vorsichtig zu dem Hasen geschlichen, die Augen immer in die Ferne gerichtet, bereit, beim ersten Luftwirbel davon zu laufen. Hlolo derweil blieb ruhig sitzen. Als Sikulumi ihn fast erreicht hatte, blickte der Junge ein letztes Mal zum sicheren Pfade zurück.

„Aus der Erde kommen die Geister doch, du dummer Junge,“ sagte sein Großvater traurig.
Sikulumi blickte vorwurfsvoll zu Hlolo hinüber, der noch hin und wieder heftig zuckte. „Großvater, wieso heißt der Pfad denn ‚Pfad der Toten’, wenn die Toten doch nicht auf dem Pfade, sondern auf dem Felde lauern?“
„Wieso heißt der baumlose Pfad durch den Wald ‚Waldpfad’?“
„Großvater, es schmerzt nun doch sehr.“
Mit einer matten Handbewegung verscheuchte Sikulumi die Ameisen, die sich einen Weg durch die Blutpfützen gebahnt hatten, um von den jungen, starken Sehnen seiner Beine zu kosten. Sein linkes Bein lag nicht weit vom sterbenden Hlolo entfernt. Lang und stark war es gewesen. Das linke Bein des schnellsten Jungen der Welt. Durch das Rauschen und Pfeifen in seinen Ohren, das seit dem fürchterlichen Knall geblieben war, vernahm der Junge das Schnauben eines Esels.
„Wird der Inyanga mich retten können?“
Der Großvater sah ihn nur traurig an. Dann sah Sikulumi die tausend Spinnfäden, die aus dem blauen Himmel hingen und er erkannte die Engel mit ihren Wasserkrügen. Der Junge dachte an seine Mutter und ein letzter, tödlicher Schmerz ließ ihn aufschreien.
Sein Schrei wurde beantwortet. Herr Molomi war es, der seinen Namen rief. Ganz laut und ganz lang: „Sikuluuumiiiii!“
„Kommst du?“ fragte der Großvater ruhig.
Sikulumi ergriff die eiskalte, kraftlose Hand und plötzlich konnte er wieder stehen.
Dann wanderte Sikulumi mit seinem Großvater Mashambwa hinunter nach Mosima.

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+Kommentare (2)

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Macht Freude zu lesen. Gut geschrieben und schnell gelesen.

Chester • 23.03.2012 10:19

Gefällt mir gut!

Manfred Beut • 19.03.2012 16:29

+Bewertungen (4)

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  • Chester hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 23.03.2012 10:19
  • Timmey hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 19.03.2012 22:52
  • Eva Sauer hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 19.03.2012 19:54
  • Manfred Beut hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 19.03.2012 16:29

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