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Stephan Voß

Der Mond der erinnerten Zukunft

  • FSK ab 0 Jahren
  • Sprache:
  • Veröffentlicht:
  • ISBN:
  • Format: amobo Format. Verfügbar im Browser, PDF und als ePub.

Über den Autor

Der Mond der erinnerten Zukunft


Zoe sagt, dass sie schon lange den Mond beobachte, seit der Sturm das Dach weggerissen, jene hätten es ja nicht für nötig befunden, es zu reparieren, wer seien sie auch schon, hier könne es reinregnen, hageln, oder schneien, sie seien, wer sie seien für diese, könne man diese überhaupt als Menschen bezeichnen, könne man sie überhaupt als Lebewesen bezeichnen mit ihrem lächerlichen Neid und ihrem Hochmut, der über die schlammigen Plätze paradiere, eigentlich müssten sie kriechen, jedenfalls solle man nicht all zu lange über jene nachdenken, weil es ein Zeichen sei, dass man zu viel über sie nachdenke, über ihre Gründe, und Entschuldigungen für ihr Verhalten suche, Zeitverschwendung, dann lieber über den Mond nachdenken, wie sie da hinkommen könnten, irgendwann werde das für sie möglich, sie wolle ein Mondbewohner sein, nach dem hier, dort zu leben, das sei ihr Traum, es werde möglich, dort ein völlig neues, ungestörtes Leben zu führen, vor allem frei, ob Lara mitwolle, wenn sie das zusammen überstanden hätten, sie würden den Mond neu besiedeln, man müsse natürlich zwei Männer mitnehmen, wie wäre es mit ihrem Dustin, und sie, sie nehme, ja, sie nehme dann halt seinen Bruder Fynn.
Lara sagt, ja, es wäre schön, Dustin habe unter dem Barackenboden ein Fluggerät versteckt, er habe es selbst aus heimlich rein geschmuggelten Dingen konstruiert wie Da Vinci, man könne damit zwar nicht bis zum Mond, aber über die Lagermauern fliegen, falls sie alle dann noch am Leben seien, oh Gott, wie sie geschunden, wie sie gefoltert von jenen Nachfolgern, warum sie alle das erleiden müssten, sie verstehe es nicht, wie ihre Eltern, ihre Großeltern, eine Wiederholung der Wiederholung des Ursprungs, die niemand für möglich gehalten, trotz der Mahnmale, trotz der heraufbeschworenen Erinnerung, trotz der kollektiven Schuld, sie könne es nicht fassen!
Zoe sagt,
ja, sie wisse, was sie meine, aber sie solle jetzt nicht daran denken, denn das sei das Jetzt, das Unvermeidliche, sie solle lieber über das Später, über das Danach nachdenken, die Zukunft sei ohne Qual, sie sei hell wie der Mond, sie sei der Mond, er müsste nur noch von ihnen erobert werden wie damals vor einhundert Jahren, als der erste Mensch ihn verheißungsvoll betrat.
Lara sagt, nein, wenn sie länger darüber nachdenke, es werde nicht gehen, die ersten Besiedlungsversuche vor fünfundzwanzig Jahren endeten in einer Katastrophe. Kriege um künstliches Wasser waren das Resultat, ob sie das vergessen habe, die Bilder in den Geschichtsbüchern, die grausamen Verstümmelungen, nicht unähnlich ihrem Martyrium hier, die Baracken für die Kriegsgefangenen, mit ihren stigmatisierten Schutzanzügen, die Experimente, die man mit ihnen machte, das alles könnte sich wiederholen, genauso wie sich der Ursprung hier wiederholt habe, das dürfe sie nicht vergessen, wenn sie träumerisch den Mond ansehe!
Zoe sagt, sie könne den Traum nicht aufgeben, denn ohne Träume lebe man nicht, ohne Träume wären sie beide bereits tot, außerdem könne es einen Mondneuanfang nach den schrecklichen Zeiten geben, sie müssten es nur bis zu den alten Raketenabschussrampen schaffen, Dustin habe früher für die Weltraumbehörde gearbeitet, er habe Raketen und Satelliten und Raumstationen konstruiert, er könne mit seinen Fähigkeiten bestimmt eine Mondrakete reaktivieren, die Mondbasen seien zwar verlassen und halb verfallen, aber beim großen Mondkrater stehe noch die Halle und das riesige Treibhaus, die Apparatur zur Erzeugung künstlichen Wassers und der Monderde sei noch funktionstüchtig, Samen für die nahrhaften Mondpflanzen seien noch ausreichend vorhanden, das habe Fynn vom alten Will erfahren, bevor sie ihn zu Tode folterten, Will, der alte Mondkrieger, er habe vor seiner Deportation immer wieder durch sein Teleskop
hinaufgeblickt, wehmütig und reumütig, weil die Mondkriege sein halbes Leben waren, ein schuldiges Leben, wie er sagte, trotzdem, die Schuld, sie sei schön und hässlich zugleich, man müsse sie annehmen, um sie ablegen zu können, erst die Schuld mache Menschen aus ihnen, auch diese Bestien seien nicht nur Bestien, er wisse das, weil er dort oben eine von diesen Bestien gewesen sei.
Lara sagt, wie er so etwas habe behaupten können, sie habe die Bilder hier gesehen wie der Lagerkommandant seinem Schäferhund Fleischstücke von Gefangenen zugeworfen habe, wie der Hund Kinder zerfleischt habe, weil die Lagerbestie den Hund abgerichtet hatte, weil die Bestie aus dem Hund eine Bestie gemacht habe, das alles habe die Bestie fotografiert, das Album als „Wunderschönste Zeit“ betitelt, jener Lagerkommandant habe kein Unrecht empfunden, die Bestie bleibe die Mondbestie bleibe immer der Mensch, und die Schuld sei niemals schön, wie habe er so etwas sagen können, jeder Täter solle nur mal die Opfer fragen!
Zoe sagt, sie verstehe ihre Wut, sie sei selbst voller Zorn, auch sie habe die Gehäuteten des Mondes gesehen, sie sehe tagtäglich hier die Menschen, wie sie in das Gebäude geführt würden und nicht mehr zurückkämen, aber Fynn habe gesagt, Will habe aufrichtig bereut, er habe jede Nacht auf seiner Pritsche geweint, Fynn habe das beobachtet, er glaube, Will habe sich selbst verzeihen müssen, um sterben zu können, er habe um den Ablauf seiner Zeit gewusst, und Fynn, er habe ihm verziehen, das habe er ihm zugeraunt, und Wills Augen hätten ganz kurz einen dankbaren Ausdruck angenommen, habe Fynn erzählt.
Lara sagt, fehle bloß noch, dass er den Schergen hier verzeiht, dass er zu ihnen hingehe und..., ja, das hätte er tun können, als sie Secilias Baby mit Vorschlaghämmern zertrümmerten...
Zoe sagt, sie solle nicht so gemein sein, sie könne Fynn verstehen, aber sie selbst sei auch nicht imstande
großmütig zu sein, Schluss jetzt, sie wolle nicht weiter über jene hier nachdenken, die Täter hier könne sie nicht entschuldigen, weil sie sich selbst entschuldigen würden, falls sie je zur Rechenschaft gezogen würden, weil sie immer Ausflüchte suchen würden, genauso wie ihre Vorgänger der Genozide an den Zurgha, an Armeniern, an Juden, an Bosniern, an Tutsi, an indonesischen Chinesen, an...bis in alle Ewigkeit könne sie weiter aufzählen, weil die Menschen niemals aufhören würden, wie das Früher und Hier und Jetzt und wie der Mond enthüllt hätten, sie selbst könne ihnen niemals verzeihen, ihre Schuld sei ewig!
Lara sagt, ja, dann solle sie nur weiter vom Mond träumen und wie sie dort hinkommen könne, aber was erwarte sie bloß vom Mond, es wäre wie hier, die Schergen würden sie bis dahin verfolgen, weil sie beschlossen hatten das Anderssein auszurotten, ein Entrinnen sei unmöglich, sie müssten sich auch dort verstecken, sie...
Zoe sagt, nein, für vier Andersartige lohne sich die Verfolgung bis zum Mond nicht, obwohl es ja ihr Ziel sei, alle Andersartigen zu ermorden, sie vier würden außerdem lautlos entschwinden!
Lara sagt, sie sollten schweigen, sie höre ihre Stiefel, sie würden sich nähern, das unbarmherzige Stampfen, sie könne ihr Zertreten spüren, so spät in der Nacht, das sei ungewöhnlich, das sei schrecklich, das sei entsetzlich, sie habe Angst!
Lara weint, nein, lasst mich, bitte nicht, Zoe, nein, nicht, Zoe, hilf mir, lass nicht zu, dass sie mich mitnehmen, Zoooeee!
Zoe schreit, lasst sie, lasst sie los, lasst sie, lasst uns, Lara, Laaaraa!!!
Zoe weint, denk immer an den Mond, Lara, erinnere dich des Mondes, so wie er sein könnte, wie er sein wird, wir, Dustin, Fynn, du und ich, wir werden über die Mauern fliegen, wir werden in die Rakete steigen, wir werden emporsteigen, die Erde wird in ihren brutalem Blau versinken, und der Mond wird uns die Sonne sein, die uns
wärmt, selbst wenn wir in den schwarzen Mondhimmel blicken, werden wir nur das helle Leben sehen und fühlen, dass wir frei sind, du wirst deine Kinder stillen, ich werde meine Kinder in den Arm nehmen, wir werden sie herzen, wir werden ihnen Mondgeschichten erzählen, wir werden uns auf der Mondrückseite niederlassen, dort werden sie uns nicht finden, dort werden wir sie nie suchen, dort werden wir keinen von ihnen sehen, weil wir die Erde nicht mehr sehen, Fynn und Dustin werden die Halle und das Treibhaus abbauen und dort wiederaufbauen, wir werden ein Mondhaus bauen, wir werden die Felder bestellen, wir werden die süßleckeren Mondfrüchte ernten, wir werden den Mond lieben, weil wir uns lieben, wir, wir werden die Menschen im Mond!
Zoe flüstert, oh, Lara, es tut mir so furchtbar leid, bitte verzeih mir, wir werden entschwinden wie unsere Gedanken an den Mond, wir werden vergangen sein wie das Mondlicht, wenn der Tag anbricht!

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+Kommentare (2)

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einfach schön...

Friederike Heinz • 10.04.2011 08:49

spricht mich an.

Daniel Tasco • 04.04.2011 10:22

+Bewertungen (3)

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  • Friederike Heinz hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 10.04.2011 08:45
  • Petra Frenke hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 05.04.2011 12:12
  • Daniel Tasco hat dieses eBook mit 5 Sternen bewertet. 04.04.2011 10:22

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